Der Leiter des seit zehn Jahren bestehenden Deutschen Polen-Instituts in Darmstadt, der Übersetzer Karl Dedecius, hat seine Mittler-Tätigkeit zwischen zwei Ländern, in zwei Sprachen einmal so beschrieben: „Fremde Literaturen sind wie neue Landschaften, die wir passieren. Ab und zu geht in einem der Siedlungsfenster ein Licht an, jemand schlägt laut einen Laden zu, eine Tür wird leise geöffnet. Wir bleiben stehen. Vielleicht werden wir aufmerksam, angezogen, hineingebeten.“

Eine Tür wird leise geöffnet: schönes Bild für die Arbeit von Dedecius und seines Institutes, das hundert Bände einer „Polnischen Bibliothek“ herausbringt. Das von der Robert Bosch Stiftung großzügig geförderte Institut legt jetzt einen „Arbeitsbericht“ über das erste Jahrzehnt seiner erstaunlichen Tätigkeit vor (78 Seiten, viele Bilder, zu beziehen, gegen 3 Mark in Briefmarken, vom Deutschen Polen-Institut, Alexandraweg 28, 6100 Darmstadt).

Was ein „Arbeitsbericht“ nur andeuten kann, wird – dichterisch verlockend oder wissenschaftlich nachprüfbar – erschlossen im eben erschienenen Jahrbuch 1990 des Instituts: „Deutsch-polnische Ansichten zur Literatur und Kultur“ (312 Seiten, 15 Mark). Im einleitenden Essay, „Polnische Reflexionen im Jahr der deutschen Einheit“, zitiert Andreas Lawaty den Publizisten Kazimierz Dziewanowski, der seinem Land als Botschafter in den USA dient: „Keine Nation“, schreibt er über die Deutschen, „ist uns so ähnlich in alltäglichen Gewohnheiten, in der Küche, in der Art, Feiertage zu begehen. Sowohl wir als auch die Deutschen leiden oft an Komplexen gegenüber Fremden, an Hinterwäldlertum, und haben Anfälle von Megalomanie. Liebe und Haß, Faszination und Ablehnung – das sind Gefühle, die unsere Beziehungen begleiten.“ In geglückter Balance von literarischen Original-Beiträgen (Machej, Filipowicz, Szczepanski, Huelle), wissenschaftlichen Essays, einer ausführlichen Chronik über Literatur, Theater, Musik, Kunst, Film und einer gut dokumentierten Bibliographie über Neuerscheinungen in beiden Ländern ist der Band ein anregendes Lesebuch.

Zum siebzigsten Geburtstag von Karl Dedecius, der 1990 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geehrt wurde, ist ein Band mit „Laudationes, Berichten, Interviews und Gedichten“ erschienen: „Karl Dedecius und das Deutsche Polen-Institut“ (herausgegeben von Manfred Mack im Justus von Liebig Verlag, Darmstadt, 196 Seiten, Abb., 16,80 Mark). Deutsche und polnische Stimmen klingen da zusammen in einem Chor, der die leise Arbeit des Übersetzers und Schriftstellers würdigt, den Tadeusz Nowakowski zum „Generalkonsul der polnischen Poesie in Deutschland, Osterreich und einem Teil der Schweiz“ ernennt und dem Karl Krolow ein Gedicht widmet mit dem Titel „Hieronymus“, das so beginnt: „Hier sitzt er lange, / sinnt, kein Heiliger: / Polnisches und Deutsches / ist seinem Ohr eins / ist gleich willkommen. / Und er bringt das Eine / zum Anderen: deutsches und polnisches / Wesen blüht auf / in seiner Sprache.“ rm