Zum Tode des Kirchenmusikers und Musikpädagogen Helmut Walcha

Er war der erste, der uns jungen Musikwissenschaftlern und Kirchenmusikern am klanglichen Beispiel begreifen ließ, daß wir unsere bisherigen, durch die Spätromantik geprägten Vorstellungen revidieren mußten: von der Orgel und ihrer Klangarchitektur; von den Strukturen barocker Musik und deren klanglicher Realisierbarkeit; vom reichhaltigen Umfeld eines Johann Sebastian Bach und der spezifischen Farbgebung des norddeutschen Spaltklang-Ideals; von der Polyphonie und der Entstehung des Kontrapunkts aus der Linie. Damals glaubten wir begriffen zu haben, daß die Zeit der romantischen Neuprägung eines historischen Stücks aus einer subjektiven Empfindung heraus vorbei sei; hielten alles für schlecht, was nicht mit vollmechanischer Traktur gebaut und in den drei Familien Prinzipale, Flöten und Zungen auf abgestufter Basis disponiert war; verurteilten alles als falsch, was nicht in Terrassendynamik registriert wurde. Helmut Walcha war unser Gewährsmann, der Apostel, dessen Zeugnis wahr ist.

Er war der erste, der uns in unserem Hochmut skeptisch machte und uns nachfragen ließ: warum denn Max Reger ein anderes Instrument benötigte; wieso Marcel Dupré in seiner Bach-Ausgabe andere Spielvorschriften lieferte und in Konzerten andere Klangvorstellungen präsentierte; warum wir „Gott nicht mit elektrischen Summern“, also Generatoren, Schwingkreisen und elektronischen Filtern loben sollten. Helmut Walcha trug seine Argumente künstlerisch vor – und bestand darauf, daß sie diskutiert, abgewogen, notfalls auch verworfen wurden. Er jedenfalls wußte, wovon er sprach: Er konnte Regers „Phantasie und Fuge über B-A-C-H“ selber spielen.

Er war vielleicht nicht der erste, aber einer der überzeugendsten, die uns wahrnehmen ließen, daß Linien nicht (nur) die Summe von Einzeltönen darstellen; daß Phrasen auch in einem mehrstimmigen Verbund ihr Eigenleben nicht verlieren; daß erst der ein Stück in seiner Architektur „begriffen“ hat, der es zunächst auseinandernahm, um es dann wieder zusammenzusetzen; daß ein Stück vortragen zu können heißt, es „mitsingen“ zu können, Stimme für Stimme, Phrase für Phrase, Atembogen für Atembogen. Helmut Walcha tat dies zunächst, indem er aus einer Not eine Tugend machte: Der Neunzehnjährige mußte es verkraften, daß er nach einer Infektion weder Noten noch Tasten, weder Spielvorschriften noch Registerknöpfe mehr sehen konnte, und ohne die instruierende wie assistierende Hilfe seiner Frau wäre sein künstlerisches Lebenswerk nicht möglich gewesen.

Er war freilich auch der erste, der so recht und noch früh erfahren mußte, daß eine „junge“ Generation ihn und sein Lebenswerk „überrannte“. Nicht erst, als zu seinem achtzigsten Geburtstag seine Schallplattenfirma „Das Orgelwerk“ von Johann Sebastian Bach neu- und wiederveröffentlichte – in der optimalen digitalen CD-Version und damit störungsfrei, vor allem aber auch mit all den Ungewohntheiten beispielsweise einer nichttemperierten Stimmung –, mußten wir erkennen und er akzeptieren, daß in der „Zwischenzeit“ die Forschung wie die Praxis weiter „fortgeschritten“ waren; daß die Experten wieder über die „Affekte“ nachgelesen hatten, die für die Musik jenes späten 17. und frühen 18. Jahrhunderts so konstitutiv waren und den Duktus und damit auch die Interpretationsbasis bestimmten; daß der Ausdruck dieser Charaktere und vielleicht nur schablonenhaften Temperamente wesentlich war für Anlage, Form und, nun ja, Inhalt der Werke. Helmut Walcha hat dies mit der gelassenen Souveränität zur Kenntnis genommen – und dabei gewußt, daß alle diese Erkenntnisse nicht hätten gewonnen werden können, hätte er nicht dazu einen der ersten Grundsteine gelegt.

Helmut Walcha, 1907 in Leipzig geboren, dort entscheidend, vor allem durch den Bach-Nachfolger Günther Ramin, geprägt, in Frankfurt seit 1929 als Interpret und später als Pädagoge gesucht und gefragt, dort mit Ehrenring und Goetheplakette ausgezeichnet, gar manchem Organisten durch seine selbstkomponierte Sammlung von Choralvorspielen hilfreich, in der dank seines Engagements und hartnäckigen Bittstellens restaurierten Schnitger-Orgel zu Cappel gewissermaßen monumental, auf der Cassette DG 419 904 klanglich für uns in ständiger Präsenz – der wichtige unter den großen Orgelspielern starb am 11. August in Frankfurt. Heinz Josef Herbort