In ihrer Werbung beschert uns die Reisebranche den immer schönen und jungen, den sportlich aktiven Menschen, sonnengebräunt, knackig. Der so propagierte Ferienmensch altert nie, bleibt allenfalls bei Vierzig stehen – frisch genug noch, der ausgabenfreudigen Jugend zugerechnet zu werden, alt genug schon, um ins pralle Portemonnaie greifen zu können –, der Idealtyp des Reisekonsumenten.

Die ominöse Grenze vierzig Jahre also. Nein, nein, sie ist kein Zufall. Bei einigem Nachdenken tun sich Querverbindungen auf, sozusagen interdisziplinäre Wahrheiten, die schlagartig erleuchten, warum auch das Geschäft mit dem Fernweh und dem Glück am Sommersonnenstrand auf Jungsein setzt – weil es einem stillschweigend akzeptierten gesellschaftlichen Gesetz entspricht, dem Mythos Jugend.

Die Gerontologen, dem Vorgang des Alterns beständig auf der Spur, ohne ihn aufhalten zu können, beweisen, daß mit Vierzig in der Regel unweigerlich der Abstieg und Abbau beginnt – mit oder ohne Frischzellen von Schimpansen, Hamstern und anderem Getier; mit oder ohne Ozonduschen und Facelifting, mit oder ohne in die Vene injizierte Sauerstoffsprudel. Vierzig Jahre, erkennen wir, ist eine entscheidende Grenze, hinter welcher der Mensch, physiologisch betrachtet, alt ist. Die Reisebranche, auf den dynamischen Urlauber fixiert, schüttelt sich. Die Touristiker haben’s gern jünger. Wie mühen sich doch die deutschen Kurbäder um ein jugendliches Image.

Ausgerechnet aus dem Land des fast schon neurotischen und psychotischen Jugendkults, aus den USA, kommt jetzt eine ebenso überraschende wie erfreuliche Meldung. Drei von der New York Times veröffentlichte Untersuchungen haben übereinstimmend ergeben, daß Oldies durchaus Goldies sein können, daß sich jenseits der Fünfzig auch noch Leben regt in Muskeln wie in Köpfen. Die Zeitung bezeichnet die Studien als mythbreakers, als Mythos-Zerstörer.

Eine der Untersuchungen wurde von der Motelkette „Days Inns“ in Auftrag gegeben und vorgelegt. Nachdem das Unternehmen mit jüngeren Angestellten seine Schwierigkeiten gehabt hatte, waren systematisch Leute über Fünfzig angeheuert worden. Und siehe da: Alle übertrafen die Erwartungen bei weitem. Die Ausbildung am Computer hätte bei den Senioren nicht länger als bei Junioren gedauert, zudem hätten die Älteren der Firma dreimal so lang die Arbeitstreue gehalten und doppelt so viele Reservierungen gebucht.

Das müßte den Frischwärtsmenschen in der deutschen Reise- und Tourismusindustrie – und nicht nur dort – doch zu denken geben: Die altersgraue Maus als Gewinnmaximierer, der lahme Esel als Schrittmacher. Und aus den Ferienkatalogen lächeln uns demnächst der durchgestählte Fünfziger vom Surfbrett entgegen und die mittelalterliche Aphrodite, die dem Wellenschaum entsteigt.

Rainer Schauer