Von Horst Teltschik

Viele wollten es schon immer gewußt haben, daß Militär und KGB eines Tages Gorbatschow stürzen werden. Prognosen wurden gehandelt, sogar Wetten über den Zeitpunkt abgeschlossen. Dabei wußte doch jeder, daß Gorbatschow mit seiner Politik von Perestrojka und Glasnost von Anfang an einen Ritt auf dem Tiger unternahm.

Gorbatschow sprach selbst immer wieder von einer Revolution, die er eingeleitet habe. Das gilt besonders für das „neue Denken“ in der sowjetischen Außenpolitik, die den Deutschen innerhalb von 329 Tagen die Einheit und allen sowjetischen Bündnispartnern im Warschauer Pakt Freiheit und Unabhängigkeit gebracht hat. Der Warschauer Pakt ist aufgelöst, die sowjetischen Truppen sind aus Ungarn und der Tschechoslowakei abgezogen. Welch eine historische Leistung! Jede einzelne hätte schon Anlaß zum Sturz Gorbatschows sein können, wenn man an frühere Zeiten denkt.

Zu viele im Westen haben diese revolutionären Entscheidungen Gorbatschows schon für zu selbstverständlich gehalten und innerlich abgehakt. Sie sind überdies immer häufiger dazu übergegangen, das Unvermögen Gorbatschows zu beklagen: Es gelinge ihm nicht, die sowjetische Wirtschaft zu reformieren. Das enge Freundschafts- und Vertrauensverhältnis zwischen Helmut Kohl und Michail Gorbatschow war für manchen schon Anlaß zu ironischen Anmerkungen.

Spätestens jetzt muß sich der Westen fragen, ob er alles getan hat, Gorbatschow zu helfen, damit er seine Reformpolitik zum Erfolg führen kann. War wirklich schon der Zeitpunkt gekommen, die Unabhängigkeit der baltischen Staaten als Voraussetzung für westliche Wirtschaftshilfe zu fordern, wie dies vor allem der amerikanische Kongreß getan hat? Mußte die Freigabe der Kurilen-Inseln Vorbedingung für japanische Wirtschaftshilfe an Moskau bleiben? Hat der Westen Gorbatschow zu viel auf einmal zugemutet – und dabei zu lange gezögert, ihm ein umfassendes und langfristiges Unterstützungsprogramm für den Fall in Aussicht zu stellen, daß er grundlegende politische und wirtschaftliche Reformen durchführt?

Bereits im Juli 1990 hatten die G7-Staaten auf dem Weltwirtschaftsgipfel in Houston auf Initiative von Bundeskanzler Kohl und Präsident Mitterrand über westliche Hilfe für Gorbatschow gesprochen. Sie hatten dem Internationalen Währungsfonds den Auftrag gegeben, gemeinsam mit den anderen internationalen Institutionen eine Studie über die sowjetische Wirtschaft und über mögliche westliche Unterstützung zu erarbeiten. Das Ergebnis, das bereits Ende 1990 vorlag, war eindeutig: Gorbatschow hätte westliche Kooperation und ausreichende Kredite gebraucht, wenn er tiefgreifende Wirtschaftsreformen durchführen und Erfolg haben wollte. Während die Bundesregierung im bilateralen Verhältnis zu Moskau an die Grenzen ihrer Möglichkeiten ging, blieb auch auf dem diesjährigen Weltwirtschaftsgipfel in London die allgemeine Zurückhaltung groß. Daran konnte auch der Auftritt Gorbatschows nichts ändern. Hat am Ende der Westen jetzt zu lange gezögert?

Wer will diese Fragen heute beantworten? Sicherlich wäre eine größere Entschlossenheit des Westens besser gewesen. Vielleicht wäre dadurch Gorbatschow stärker und früher ermutigt worden, die überfälligen Reformschritte einzuleiten und sie innenpolitisch abzusichern. Vermutlich hätte er dadurch die Unterstützung der Reformpolitiker um Jelzin gewinnen und den dramatischen Niedergang seines Ansehens und seiner Popularität in der Bevölkerung verhindern oder wenigstens begrenzen können, der heute seinen Gegnern zugute kommt. So saß er jetzt am Ende zwischen allen Stühlen Die Ironie will es, daß ihn die Konservativen, denen er ständig Konzessionen machte, stürzten und Jelzin, den er nicht wirklich ernst nehmen wollte, zu seinem Fürsprecher wurde.