Den Deutschen war das Singen vergangen. Aber sollten sie für immer stumm bleiben?

Jede Nation, und vor allem eine geschlagene, braucht ein Symbol, zu dem sie aufblicken kann“, hat Churchill in einer Rede in Dover gesagt. Er hat darauf hingewiesen, wie klug es gewesen sei, Kaiser Hirohito auf dem japanischen Thron zu lassen und seine Verurteilung abzulehnen. Diese Politik habe entscheidend Japans Einstellung zum Westen beeinflußt, so meinte er. In diesem Zusammenhang hat Churchill festgestellt, daß Hitler in Deutschland wahrscheinlich nicht zur Macht gekommen wäre, wenn der Kaiser nach dem ersten Weltkrieg unangetastet in seiner Stellung belassen worden wäre und die Deutschen jemanden gehabt hätten, zu dem sie hätten aufblicken können.

Wir haben mit Symbolik nicht mehr viel im Sinn, nachdem die Nazis wie in einer Alchimistenküche mit diabolischem Geschick symbolisches Brauchtum und Legenden zu allerlei verführerischen Rauschgetränken zusammenmischten. Mit unglaublicher Raffinesse haben sie ja der Volksseele ihre Geheimnisse abgelauscht, jedem Mythos nachgespürt und das geheimnisvolle Bedürfnis der Jugend nach Opfer, Einsatz, Bruderschaft und Ordensverband für ihre Zwecke ausgenutzt. Kein Wunder, daß eine unendliche Ernüchterung seither über die Deutschen kam! Die Jugend ist argwöhnisch geworden; sie ist immer zur Kritik bereit und realistisch bis zum Zynismus. Vielleicht ist das eine gesunde Reaktion.

Falsch aber wäre es, wenn die Regierenden nicht dafür sorgen, daß diese Reaktion in ihren Grenzen bliebe. Mit anderen Worten: Diejenigen, die den Pendel bedienen, sollten Sorge tragen, daß er nun nicht wieder ebensoweit in entgegengesetzter Richtung ausschlägt. Unsere entgötterte Zeit hat ohnehin so wenig Inspirierendes, daß man es sich nicht leisten kann, auch die natürlichen Symbole, deren jedes Volk bedarf, achtlos preiszugeben. Churchill hat mit vollem Recht gesagt, daß gerade eine geschlagene Nation ihre Symbole braucht.

Das vielleicht einfachste Symbol einer Nation ist neben der Fahne die Nationalhymne. Deutschland ist das einzige Land der Welt, das keine solche Hymne hat. Ausgerechnet das zweigeteilte Deutschland, das ein solches Symbol seiner historischen Einheit nötiger hätte als viele andere! In allen Situationen, in denen andere Völker, um etwas ganz Bestimmtes auszudrücken, ihre Nationalhymne anstimmen, entsteht bei uns peinliche Verlegenheit, und das Vakuum, das für unsere ganze heutige Existenz so typisch ist, wird erschreckend deutlich.

Und warum ist das so? Haben wir nicht eine sehr schöne Nationalhymne, die nicht einmal durch die Hitlerzeit kompromitiert ist, in der sie nur als Konzession an die „Reaktion“ auch gesungen wurde? Ob man nun den ersten oder den dritten Vers singt, das ist wirklich ziemlich gleichgültig – auch bei Volksliedern und Chorälen wird ja der Text nicht auf die Waagschale gelegt. Es muß endlich eine deutsche Nationalhymne geben, die wirklich ein Symbol ist, und zwar ein Symbol für die historische Gemeinsamkeit von Ost- und Westdeutschland. Und eben das ist weder das gassenhauerartige Lied von Stalins Sonne im Osten noch die konstruierte Silvesterhymne des Bundespräsidenten im Westen. Dff.