/ Von Peter Hannappel

Altefähr hatte uns die Kulisse von Stralsund in einem flammenden Abendrot beschert. Am Morgen stieg die Quecksilbersäule nur langsam und ließ den Rauhreif im Schatten des Zeltes verschwinden.

Mit klammen, gefrorenen Fingern bauen wir den Pouch-Reisezweier am Fähranleger vor dem blauen Straelasund auf. Die Produktion dieser Faltbootwerft sei infolge der deutschen Einigung eingestellt, sagten mir die langjährigen Pouch-Händler – doch Pouch existiert als GmbH weiter. Wir schließen den Reißverschluß und den Gurt der Schwimmweste, die uns vor der morgendlichen Kälte schützt. Mit ruhigen Paddelschlägen strebt das Boot zum Bessiner Haken, die blendendweißen Schwäne auf dem tiefblauen Sund vor sich treibend. Mit singenden Flügelschlägen ergreifen sie die Flucht.

Der Wind bläst mäßig aus Nordost über den Kubitzer Bodden. Auf der Kopie einer Landkarte hatte alles viel kompakter gewirkt. Jetzt tragen die ersten Wellen weiße Schaumkronen und die Silos in Kleinkubitz weisen uns den Kurs für die nächsten anderthalb Stunden. Von Freesenort im Norden über die Vogelinsel Heuwiese und das Inselchen Libitz im Osten ist der Bodden für Motorboote gesperrt. Die Wassertiefe beträgt hier kaum einen Meter. Weit und breit ist kein Sportboot zu sehen, obwohl jetzt Urlaubszeit ist. Wir haben den Kubitzer Bodden und die Gewässer zwischen Rügen und Hiddensee für uns alleine. Die Halbinsel Lieschow bietet sich für eine Rast an. Ein Fuchs sucht das Schilf konzentriert nach Freßbarem ab und trottet auf mich zu. Erst fünf Meter vor mir schaut er völlig entgeistert auf und sucht nach einer längeren Schrecksekunde das Weite. Einige hundert Meter vor dem Ufer, im glitzernden Wasser, schwimmt eine Herde Kanadagänse, die gut an ihrem schwarzen Hals und Kopf mit der weißen Wange zu erkennen sind.

Die Insel Hiddensee, das „söte Länneken“ taucht vor uns auf, als wir die Landzunge Ummanz umrunden. Neuendorf auf Hiddensee ist unser nächstes Ziel. Die Überfahrt sei neun Kilometer lang, sagt uns die Karte. Der große Schaproder Bodden ist kaum betonnt. Der Wind hat fast auf Nord gedreht. Immer öfter schwappt eine Welle über den Bug, doch das Wasser perlt dank der guten Imprägnierung des Faltbootes ab. Kondition, Ausdauer und gute Nerven sind nun gefragt. Nach einer Stunde Paddeln sind wir mitten auf dem Bodden. Die Perspektive ändert sich kaum, und manchmal zweifeln wir, ob wir uns wirklich vorwärtsbewegen. Die weit entfernten Tonnen der Fahrrinne teilen die lange Überfahrt in Etappen auf.

Die Luft ist klar und der blaue Himmel trägt kaum eine Wolke. Nach der zweiten Stunde rückt Neuendorf näher. Nur noch einen Kilometer, denken wir. Doch dieser Kilometer wird lang. Die Farbe des Wassers hatte die kommende Veränderung schon länger angekündigt. Von königsblau hatte es nach sandfarben bis hellgrün gewechselt. Das Wasser ist nur noch knöcheltief und zwingt uns, diese „Untiefe“ weit zu umfahren.