Von Sven Papcke

The sciences are small power“, so hat Thomas Hobbes im Vorfeld der Moderne erklärt und sich gehörig verschätzt. Nicht allein, daß der Weise von Malmesbury selbst von der Nachwelt als „unser aller Vater“ (Marx) anerkannt wurde. Tatsächlich war die „historische Macht der Ideen für die Entwicklung des Soziallebens eine gewaltige“, wie Max Weber notiert hat. Seit Anbruch der Neuzeit prägen die Wissenschaften unsere Welt. Und sie wurden mit dem Verblassen religiöser Deutungsmuster zur einzigen Verständigungsweise im selbstläufigen Wandel.

Max Weber ging um die Jahrhundertwende allerdings noch von einem Wissenschaftsbegriff aus, der mehr umfaßte als die Abwicklung von Drittmittelprojekten. Ihm bedeutete der Beruf des Gelehrten ein zeitgemäßes Katechetentum, das durch Methode, Nüchternheit und Sachlichkeit zur Einsicht in das delirium praesens führt. Nicht zur Sinnvermittlung sei Forschung imstande, wohlgemerkt, aber zu „einer denkenden Ordnung der empirischen Wirklichkeit“. Diese Strukturdurchleuchtung leistet für Weber nur der kompetente Wissenschaftler, entsprechend gilt ihm der Outsider, der Nichtfachmann oder gar Dilettant als Sünder wider den Geist der Moderne.

Immerhin waren noch zu seiner Zeit die Wissenschaften ein Bestandteil der Ideengeschichte, wovon heute kaum mehr die Rede sein kann. Und Ulrich Becks Unterstellung, das Werk des Gründers der deutschen Soziologie sei womöglich dauerhafter als das Fach, da Weber mittlerweile als Steinbruch für die Interpretationsnöte einer orientierungslosen Epoche gelte, zehrt von dem Zuspruch, den Max Webers Schriften unvermindert finden. Während andere Vorväter der Sozialwissenschaften – Großmütter fehlen – in den Archiven verstauben, weil sie für heutige Komplikationen unzuständig scheinen, präsentiert sich Webers Werk weiterhin als ausgesprochen forschungsintensive Inspirationsquelle, was sich nicht zuletzt einer neuen Arbeit entnehmen läßt, die seine Abhandlungen zur Politik aufgreift.

„Was eigentlich ‚Geist‘ ist, wissen die Meisten vollends nicht mehr“, so beschwert sich Max Weber am 25. Juni 1908 in einem Schreiben an seinen Schüler Robert Michels mit Blick auf die Kollegen. Wie wahr auch bezogen auf die heutige Soziologie, die zumeist nur mehr Datenhuberei sein will. Stefan Breuer allerdings, der junge Hamburger Hochschullehrer, pflegt noch ein Wissenschaftsverständnis, das die gegenwartsdiagnostischen Traditionen dieser Disziplin weiterführt.

Sein Buch ist zudem blendend formuliert – eine Seltenheit unter Soziologen, obschon bereits Weber „die Bildung klarer Begriffe“ pries und die „Unschlichtheit der Ausdrucksmittel“ mitsamt dem allgegenwärtigen „Fußnotengeschwulst“ anprangerte. Darüber hinaus vermittelt Breuer den aktuellen Bezug der Weberschen Erkenntnisse. Das erlaubt ihm, sich nicht nur „werturteilsenthaltsam“, sondern evaluativ mit zeitgenössischen Problemen der „rationalen Herrschaft“ auseinanderzusetzen.

Mit Blick auf den Relativismus als Mode seiner Tage bespöttelt Weber das Steckenbleiben des Zeitgeistes im Hergebrachten. Es gab indessen auch für ihn selber allerlei Tabu- und Schamgrenzen mit Blick auf „normwidriges Thun“ vor allem in der Nahbereichsmoral. Als Beobachter einiger Eheaffären im Bekanntenkreis beklagt er den Verlust der „Wurzeln klaren sittlichen Handelns“. Ohnehin verrät sein Alltag viel Pedanterie („Wir essen um 1 Uhr“). Bei aller Universalität des Gedankens blieb der „Machiavell à Heidelberg“ (R. Aron) dem Benimmkodex seiner Generation verhaftet.