Von Maria Huber

Putschisten haben immer die gleichen Pläne. Das Staatskomitee für den Ausnahmezustand will „Staat und Gesellschaft so rasch wie möglich aus der Krise führen“. Es verspricht eine „Genesung der Volkswirtschaft“, die „Lösung des Lebensmittel- und Wohnungsproblems“ und natürlich auch die „Hebung des Lebensstandards“ – all das soll die Sowjetbürger an „die guten alten Zeiten“ erinnern, als die Güter gerecht verteilt wurden und das Geld noch etwas wert war. Die neuen Machthaber sind Protagonisten und Profiteure der Kommandowirtschaft, kennen deren Hebel aus langjähriger Praxis. Sie sehen „die Tragödie darin, daß absolut unerfahrene Leute an die Macht kamen“. Demokraten nämlich.

Mitte Januar war Valentin Pawlow – der einzige Ökonom in der Junta – vom Finanzminister zum Ministerpräsidenten befördert worden. Der Mann werde „bereit sein, jeder Macht zu dienen“, ahnten schon damals Moskauer Reformpolitiker. Pawlow, der mit seinen großen Zigarren an das Klischeebild des dickbauchigen Kapitalisten gemahnt, setzte auf Patriotismus und Partei. Nicht, daß er etwas gegen Geschäfte hätte. Schon als Finanzminister war er Gründungsvorsitzender einer kommerziellen Bank und eines Gemeinschaftsunternehmens. Als gewalttätiger Putschist verspricht er nun, „das private Unternehmertum“ zu unterstützen. Derselbe Pawlow, der im Februar westliche Banken beschuldigt hatte, die Sowjetunion bewußt ruinieren zu wollen, war in den vergangenen Wochen um ein besseres Image im Westen bemüht; auffällig jedenfalls, wie er die Medien hofierte.

Im Lande selber war Pawlow von Anfang an unpopulär. Seine zynisch-arrogante Art, Kompetenz zu demonstrieren, kommt bei einer Bevölkerung, die sich weniger an Fachwissen als vielmehr an Gut und Böse orientiert, nicht an. Die Brutalität, mit der er binnen drei Tagen die alten Hundert- und Fünfzig-Rubel-Scheine einziehen ließ und so die Bürger schröpfte, hat tiefe Spuren hinterlassen. Doch wissen die wenigsten, wie sehr er als Finanzminister die Notenpresse ankurbelte und die Inflation beschleunigte. An den Preissteigerungen – sofern nicht von der Regierung verordnet – sind in den Augen der Bevölkerung immer noch die Spekulanten schuld, die Händler und die privaten Gewerbetreibenden.

Die Putschisten werden mit ihrer Ankündigung eines vollständigen Preis- und eines beschränkten Lohnstopps in weiten Kreisen der Bevölkerung auf Verständnis stoßen. In erster Linie bezweckt aber der Preisstopp, die Kommandowirtschaft aufrechtzuerhalten. Staatlich festgelegte Niedrigpreise für Energie und Rohstoffe sind nichts anderes als verdeckte Subventionen für die riesige Rüstungsindustrie. Deren mächtige Wortführer – Alexander Tisjakow, Präsident des Verbandes der Staatsunternehmen, und Oleg Baklanow, der zuständige ZK-Sekretär – gehören zum harten Kern der Putschisten. Der Rüstungswirtschaft drohte in der Tat der Notstand: Die Staatskasse ist leer, denn die souveränen Republiken weigern sich, Geld an den Zentralstaat abzuführen, solange sie nicht an der Finanzpolitik mitwirken.

Zur Finanzierung der „toten Briefkästen“ – wie die von der Außenwelt völlig abgeschirmten Rüstungsfirmen heißen – wollten namentlich die finanzkräftigen Republiken und allen voran Rußland nicht mehr beitragen. Sie brauchten das Geld für die Reformen. Doch die einbehaltenen Steuereinnahmen reichten nicht aus; deshalb beschafften sich die Republiken zusätzliche Mittel durch Geldschöpfung. Im ersten Halbjahr 1991 stieg das Staatsdefizit auf über hundert Milliarden Rubel – dreimal soviel wie für das ganze Jahr geplant. Die Geldentwertung wird bis Jahresende wohl auf hundert Prozent steigen. Dieser inflationäre Prozeß bestärkte Pawlow und seine Genossen in ihrem Willen, an der einheitlichen Finanz-, Kredit- und Geldpolitik des Zentrums festzuhalten: Sie allein garantiert das Überleben des militärisch-industriellen Komplexes und mithin das Überleben Dutzender Industriestädte, von denen „viele niemals auf einer Landkarte eingezeichnet worden“ sind, wie Arkadij Wolskij, Präsident des reformorientierten Industriellenverbandes kürzlich vermerkte. Diese Städte leben nämlich allein von der Rüstungswirtschaft. Die „Sorge“ der Rüstungszaren trägt daher auch „soziale Züge“.

Am Anfang war das Wort. Am 23. Juli – der Londoner Weltwirtschaftsgipfel war gerade zu Ende – veröffentlichten die konservativen Tageszeitungen das „Wort an das Volk“: Vertreter der Armee und der reaktionären Sojus-Fraktion im Obersten Sowjet kündigten eine patriotische Bewegung zur Rettung des Vaterlandes an. Es drohe eine Katastrophe: Die staatliche Einheit der Sowjetunion werde willentlich zerschlagen; eine „einzigartige technische Zivilisation“, ein „mächtiges industrielles Potential“ würden zugrunde gerichtet (das militärische nämlich), die Menschen stünden vor Hungersnot und Verelendung.