Von Thomas Hanke und Udo Perina

Eigentlich hätte der Staatsstreich in der Sowjetunion niemanden an der Börse überraschen dürfen. An der Wall Street kursierten schon seit Monaten Gerüchte von einem bevorstehenden Machtwechsel in Moskau. Die Volkswirte des Maklerhauses Prudential Securities bekräftigten erst vor kurzem ihre Auffassung, daß der Sturz Gorbatschows bevorstehe. Dennoch reagierten die internationalen Finanzmärkte schockiert, als am vergangenen Montagmorgen das eintraf, womit viele insgeheim gerechnet hatten. Rund um den Globus brachen die Aktienkurse ein, erst in Japan und Australien, dann in Europa und schließlich in New York, wo sich die Kursverluste mit 2,5 Prozent allerdings in Grenzen hielten.

Besonders arg erwischte es dagegen die deutsche Währung und die deutschen Börsen. Die Mark verlor innerhalb von Minuten gegenüber dem Dollar rund sieben Pfennig. Der Höhenflug des Greenback konnte nur durch massive Interventionen der Notenbanken bei 1,82 Mark gestoppt werden. Und als am Frankfurter Aktienmarkt am Montag gegen 13.30 Uhr der Schlußgong ertönte, waren die Besitzer deutscher Dividendentitel um fast zehn Prozent ärmer als noch ein paar Stunden zuvor. Die Verluste der Aktien von Unternehmen mit Verbindungen in die Sowjetunion lagen dabei noch weit über dem Durchschnitt. Die Anteilscheine der Buchloer Fleischfabrik Moksel etwa, die ein Viertel ihres Umsatzes in der Sowjetunion erzielt, verloren fast zwanzig Prozent ihres Wertes. Und die Aktien der Philipp Holzmann AG, die sich am Wohnungsbau für heimkehrende Sowjetsoldaten beteiligt, gingen um achtzehn Prozent schwächer aus dem Markt. Vor allem Kleinanleger, Investmentfonds und ausländische Kunden sollen sich teils panikartig von ihren Papieren getrennt haben.

Die Zuspitzung der Lage in der Sowjetunion hat bei manchem Investor im Ausland zu einer Neubewertung des Finanzplatzes Deutschland geführt. In London gab zum Beispiel die Bank Morgan Stanley kurz nach der Entmachtung Gorbatschows die vielbeachtete Empfehlung heraus, deutsche Aktien in internationalen Depots künftig nicht mehr so stark zu gewichten.

Dabei galt nach dem Fall der Mauer das neue Deutschland als wirtschaftlicher Brückenkopf für die Erschließung der Märkte in Osteuropa. Vorübergehend führte das sogar zu einem Boom an der Frankfurter Börse. Doch die Schwierigkeiten nicht nur in Ostdeutschland, sondern insgesamt beim Umbau der osteuropäischen Volkswirtschaften und die Nationalitätenkonflikte ließen die Begeisterung rasch absinken. Und das Ende der Perestrojka hat nun auch den letzten Rest der Ostphantasie zunichte gemacht.

Statt des erhofften Aufschwungs droht der deutschen Volkswirtschaft jetzt eine Rezession, befürchtet Eckard Cornehl, Chef-Volkswirt der Bank Julius Bär (Deutschland). Er rechnet mit einer Energie- und Ernährungskrise in der Sowjetunion, die auch die Reformen in den anderen osteuropäischen Ländern bremsen werde. Deutschland werde davon auf vielfache Weise in Mitleidenschaft gezogen: Investitionen in den neuen Bundesländern würden auf Eis gelegt, der deutsch-sowjetische Handel könne zusammenbrechen, die Sowjetunion dürfte ihre Kreditverpflichtungen nicht mehr erfüllen.

Auch Professor Rüdiger Pohl, Mitglied des Sachverständigenrates der Bundesregierung, schließt nicht aus, daß die Entmachtung Gorbatschows zinssteigernd und damit bremsend für die deutsche Wirtschaft wirke.