Die Karibik will unabhängiger von amerikanischen Touristen werden und wirbt verstärkt um Besucher aus Europa.

Oft haben die Fernreiseprogramme der großen Veranstalter, die in diesen Wochen in die Reisebüros kommen, die Karibik als Schwerpunktziel. Denn diese Region, die lange Zeit in den Prospekten kaum noch ein Rolle spielte, wird bei den deutschen Urlaubern immer beliebter. Allein im vergangenen Jahr zählten die Westindischen Inseln rund 275 000 Besucher aus Deutschland.

Die Gründe für den neuerlichen Karibik-Boom liegen auf der Hand: Der gesunkene Dollarkurs machte den Karibik-Urlaub auch für durchschnittlich verdienende Bundesbürger erschwinglich. Die Flugverbindungen von Deutschland auf die verschiedensten Inseln verbesserten sich durch das wachsende Interesse erheblich. Mit Kuba oder der Dominikanischen Republik entwickelten die Reiseunternehmen regelrechte Massenurlaubsziele. Die Region war und ist in einer unruhigen Welt ein relativ stabiles und sicheres Reiseziel. Die Dominikanische Republik ist – hauptsächlich wegen der niedrigen Preise – die Lieblingsdestination der Deutschen. 120 000 Bundesbürger legten sich hier 1990 unter die Palmen. Ebenfalls stark im Kommen ist Kuba, wohin im vergangenen Jahr 60 000 Deutsche reisten.

Trotz des inzwischen wieder gestiegenen Dollarkurses, so versichern die Veranstalter, werde sich in diesem Winter der Urlaub in der Karibik nicht entscheidend verteuern. Allerdings wird sich dadurch der Preisunterschied zwischen den spanischsprechenden, nicht an die Dollarwährung gekoppelten Billig-Inseln und der teureren, exklusiven Karibik wohl noch weiter vergrößern. Deshalb erschließen Großveranstalter, die das Massenpublikum ansprechen, vorzugsweise preisgünstige Ziele: die zu Kolumbien zählende Insel San Andres, die zu Venezuela gehörende Isla Margarita und, damit im Verbund, das mittelamerikanische Costa Rica.

Mit finanzkräftiger Unterstützung durch die, Europäische Gemeinschaft können jetzt auch wieder 28 karibische Staaten rechnen, die in der touristischen Fördergemeinschaft Caribbean Tourism Organisation (CTO) zusammengeschlossen sind. Streit, Mißmanagement und Ärger um die Finanzen führten vor einigen Jahren dazu, daß die EG-Entwicklungshilfe-Gelder, die von der Gemeinschaft für die Förderung des Tourismus in der Karibik vergeben wurden, vorübergehend nicht mehr flossen. Für die nächsten drei Jahre wird die CTO nun wieder mit neun Millionen US-Dollar unterstützt. In allen wichtigen westeuropäischen Ländern sollen nationale Förderungsorganisationen aufgebaut werden, die aus den Reiseveranstaltern, den Fluggesellschaften und den dort aktiven Fremdenverkehrsämtern der karibischen Inseln bestehen.

Angesichts der wachsenden Nachfrage deutscher Touristen eröffnen immer mehr Karibik-Inseln eigene Büros in Deutschland. Zu den Etablierten wie Barbados, den Bahamas, Jamaika oder Kuba sind in jüngerer Zeit Aruba, Bonaire, die British Virgin Islands, Curaqao, St. Vincent & Grenadines, die US Virgin Islands und Guadeloupe hinzugekommen.

Die Karibik wirbt verstärkt um Touristen aus Europa, weil die zahlungskräftigen Besucher aus den Vereinigten Staaten mehr und mehr ausbleiben. Deshalb verringerte sich die Gesamtbesucherzahl in der Karibik im vorigen Jahr trotz des Zustroms aus Europa um drei Prozent auf 11,2 Millionen Gäste. Nicht nur die Golfkrise, auch die Rezession in den USA bremste die Reiselust der Amerikaner und zeigt in diesem Jahr noch gravierendere Auswirkungen. Willi Bremkes