Von Michael Schwelien

Ljubljana, Mitte August

Die Eskalation kam prompt. Nur einen Tag nach dem Putsch in Moskau wurde die Stadt Osijek im umkämpften Slawonien mit Mörsern beschossen. Es war der erste schwere Angriff auf eine größere kroatische Stadt. Einheiten der jugoslawischen Volksarmee attackierten Osijek gemeinsam mit serbischen Freischärlern. Die Kathedrale wurde beschädigt, ein Kindergarten zerstört. Ein Treffer auf eine vollbesetzte Straßenbahn richtete ein Blutbad an. Eine Frau starb im Bombenregen, die aus einem der nahen Dörfer geflüchtet war; jetzt ist nicht einmal mehr Osijek ein sicherer Zufluchtsort für die Kroaten.

Auch in der Nachbarschaft von Karlovac, einer Stadt nur fünfzig Kilometer von Zagreb entfernt, kam es zu schweren Kämpfen. In der kroatischen Hauptstadt selbst explodierten Bomben auf dem jüdischen Friedhof. Die jüdische Gemeinde unterstützt das Streben der Republik nach Unabhängigkeit.

Es kann Zufall sein, daß gerade jetzt der jugoslawische Krieg von den Dörfern auf die Städte übergreift. Es ist aber auch möglich, daß Serbien und die weitgehend serbifizierte Volksarmee nun, da die Weltöffentlichkeit nach Moskau schaut, ihre Chancen wittern, sich im Schatten des sowjetischen Umsturzes soviel wie möglich vom Rest Jugoslawiens endgültig einzuverleiben. Drastisch bringt die slowenische Zeitung Delo die Ängste all jener, die nicht mehr von Belgrad regiert werden wollen, auf den Punkt: Eine Karikatur auf der Titelseite zeigt einen sowjetischen Soldaten, der mit dem Stiefel nach dem Kopf von Michail Gorbatschow tritt und in der Hand eine blutige Axt hält. „Der nächste“, brüllt der Schlächter. Im Hintergrund zittern Jugoslawiens Staatspräsident Stipe Mesić und der Chef der Bundesregierung Ante Marković.

Obwohl sich die Regierung des serbischen Präsidenten Slobodan Milošević zum Umsturz in Moskau nur knapp äußerte („innere Angelegenheit“), finden sich einige Indizien für Verbindungen zwischen jugoslawischen Altkommunisten und der sowjetischen Junta. Just dieser Tage hielt sich Dragan Atanasowski in Moskau auf. Atanasowski ist der offizielle Führer einer „Liga der Kommunisten-Bewegung für Jugoslawien“, hinter der die Belgrader Offizierskaste steckt. Der Prawda gab er ein großes Interview. Tenor: Auch in Jugoslawien müsse der „ethnische Konflikt“ beendet, der „weitere Zerfall“ gestoppt, der Sozialismus in seine „rechtmäßige Rolle“ reinstalliert werden.

Sloweniens Verteidigungsminister Janez Jansa behauptet sogar, neuerdings würden hundert sowjetische Ausbilder die jugoslawische Armee beraten, diese werde mit den besonders gefürchteten Mi-24-Kampfhubschraubern der Sowjetarmee beliefert und immer mehr von „qualifizierten Kadern“ geführt. Für Janša steht fest: „Die jugoslawische Armee wußte von den Putschplänen, ihre Aktionen sind mit denen der Sowjetarmee koordiniert.“ Mit fünfzig zu fünfzig bewertet er die Möglichkeit, daß sogar Slowenien nach einer Besetzung Kroatiens wieder angegriffen wird. Weshalb diese doch recht ungenaue Prophezeiung? „Dies ist der Balkan – es gibt keine logischen Abläufe.“