Wer je die wunderbare (und von Karl Ludwig Schneider vorbildlich edierte) Georg-Heym-Ausgabe in Händen hielt, weiß: Hier war ein Verleger von literarischem Raffinement und ästhetischer Reizbarkeit tätig; Christoph Meckel – dessen Graphik-Mappe „Das Meer“ er vermessen in 10 000 Exemplaren auflegte – hat ihn charakterisiert: „In 25 Jahren habe ich ZWEI Verleger kennengelernt, Ellermann und Stomps. Der Herr Ellermann war ein schwieriger Mensch. Bedenkenlos und orthodox, widersprüchlich wie keiner, großzügig wie keiner. Heimlicher Großverleger ...“ Letzteres ist wohl nur eine Metapher – doch er war ein großer Verleger. Einer, der liebte: Sonst hätte er nicht Ernst Stadler verlegt oder die arm und einsam in Stockholm vegetierende Nelly Sachs entdeckt; Yvan Goll den Nazis unter dem Pseudonym Johannes Thor eingeschmuggelt oder den nach seinem peinlichen Applaus von den Nazis verfemten Gottfried Benn gedruckt.

Das ist eines der unvergeßlichen Verdienste Heinrich Ellermanns, der seine wissenschaftliche Karriere mit der Weigerung, in die Wissenschafts-SA einzutreten, abgebrochen hatte: Die heute legendären (auf dem Antiquariatsmarkt unerschwinglichen) kleinen grauen Kartonhefte mit kaum mehr als zehn lose eingelegten Blättern „Das Gedicht – Blätter für die Dichtung“. Sie erschienen, zum Preis einiger Groschen, von 1934 bis 1944, und als die Reihe gewaltsam eingestellt wurde, endete das letzte Gedicht – Georg Schneiders berühmter „Feldpostbrief“ – mit drei Worten, die gleichsam Leitmotiv dieser Reihe waren: „Ich atme kaum ...“ Dieser Publikation, die Karl Krolow und den jungen Franz Fühmann, Peter Gan und Hermann Kasack, Loerke, Lehmann und die Langgässer versammelte, hat Peter Hamm einmal Referenz erwiesen: „Daß der Begriff der Inneren Emigration, der vielen unter uns Jüngeren oft unangenehm aufstieß, doch Sinn macht, daß es damals, wenn schon nicht Widerstand, so doch Würde gab und Würde bereits ein großes Gegengewicht zur Nazi-Barbarei darstellte, das beweisen diese Blätter für die Dichtung.“

Er war ein leiser und nobler Mann, ein Mäzen, seit er sich das leisten konnte; die Freunde wissen sein Geigenspiel zu rühmen – „Weißt du noch, wie du Cembalo zu stimmen anfingst, immer wenn die Bourgeoisie anrückte?“ erinnert sich Christoph Eschenbach; aber deswegen war er kein in Mozarts Es-dur-Quartett dämmernder Schöngeist, vielmehr ein Mann mit Eigenschaften. Das zeigen nicht nur die köstlichen Anekdoten, die ihn umranken: „Ich habe eben ein großes Herz“, antwortete der von drei ansehnlichen Damen Umringte auf die Frage eines Kollegen, wie er denn drei Grazien gleichzeitig in seinen Bann ziehen könne, „wollen Sie es mal sehen?“ – und zückte seine volle Brieftasche. Aber der Verleger von Albrecht Goes und Ricarda Huch und Hermann Lenz wußte auch genau, was er nicht wollte; auf Hartmut von Hentigs Plädoyer, zwischen Reaktionärem und Fortschrittlichem reinlich zu scheiden, erwiderte er: „Schade, daß Sie sich so sicher sind, lieber Hentig, das macht Ihre Position so unsicher.“

Nicht zufällig muß man an derlei denken, schreibt man am 19. August 1991 diesen letzten Gruß, am Tage von Gorbatschows Sturz. Es war ja Heinrich Ellermann, der uns nicht nur mit der expressionistischen Moderne vertraut gemacht hat, sondern ganz früh mit der russischen Literatur – dreißig Bände umfaßte die zwischen 1961 und 1970 von Johannes von Guenther herausgegebene „Kleine russische Bibliothek“.

Heinrich Ellermann, der 86jährig am vergangenen Dienstag in Vaduz starb, war Weltmann und Gentleman; er veröffentlichte nicht nur 1941 ein Loerke-Gedicht mit den Zeilen „Ich breche auf und bahne / Den Weg mir ohne Fahne“. Er wußte wohl auch, was es hieß, wenn er in einem eigenen Vers schrieb „ein leiser abschied ist ein schön gedieht“. Sein Werk fortzusetzen ist nun eine so schöne wie schwere Aufgabe für seine Tochter Antje Ellermann-Landshoff, die den Verlag Rogner und Bernhard leitet. „Ich drucke Sie“, lautete das Telegramm, das Heinrich Ellermann statt eines Vertrages einer Autorin schickte. Sein Vermächtnis ist gewahrt, wenn unter anderem Verlagsnamen seine Leidenschaft für die Literatur ihren Erben findet. Fritz J. Raddatz