Der Staatsstreich der Gestrigen verbaut der Sowjetunion den Weg in die Zukunft

Von Theo Sommer

Überraschung – so nennen wir gemeinhin das Eintreten des Unerwarteten. Der Moskauer Putsch gegen die Perestrojka hatte nichts davon an sich. Die Überraschung beim Sturz Michail Gorbatschows lag umgekehrt darin, daß mit einem Male das Erwartete, oft Prophezeite, immer schon Befürchtete eintrat. Die westliche Welt war nicht darauf eingestellt.

An Warnungen hatte es nicht gefehlt. Seinem Protest gegen die „anbrechende Diktatur“ der „Kerls mit den Obristen-Schulterstücken“ machte Eduard Schewardnadse schon im vergangenen Dezember Luft, als er das Amt des sowjetischen Außenministers räumte. Ein anderer Freund Gorbatschows, Alexander Jakowlew, der vor drei Wochen seinen Beraterposten abgab und vorige Woche aus der Partei austrat, hatte vergebens gewarnt: „Auf uns rollt eine Welle des Konservatismus zu, der reaktionären Kräfte, die sich unerbittlich rächen wollen.“ Doch Schewardnadse und Jakowlew brüllten ihre Angst in den Wind.

Die Sowjet-Experten hatten den Sturz Gorbatschows seit Jahren immer wieder vorhergesagt. Waren sie nicht jedesmal im Irrtum gewesen? Und hatte nicht gerade die Generalität Mal um Mal beschwichtigt? „Alle Meldungen, das Militär bereite einen Putsch vor, sind unsinnig und grundlos“, beteuerte Verteidigungsminister Jasow vor knapp einem Jahr. „Es gibt keine Gründe, in der Sowjetunion den Ausnahmezustand zu verhängen“, sagte Generalstabschef Moissejew am Jahresende. Und das Aushängeschild der Putschisten, Gennadi Janajew, den Gorbatschow nicht ohne Mühe als Mann seines Vertrauens in das Amt des Vizepräsidenten gehievt hatte, versicherte dem Spiegel noch im Juni treuherzig: „Militärdiktatur – sie entspricht nicht unserer Tradition.“

Der Coup der Acht

Die westliche Öffentlichkeit schenkte dem nur allzugern Glauben. Sie war mit dem Golfkrieg beschäftigt und mit der über Jugoslawien heraufziehenden Krise – oder berauscht von der Vorstellung einer Neuen Weltordnung, zu deren tragenden Säulen Gorbatschow zählte. Die Anzeichen dafür, daß sich etwas gegen den Urheber von Glasnost und Perestrojka zusammenbraute, wurden nur unscharf wahrgenommen, zumal es eine Zeitlang so aussah, als ob der sowjetische Präsident selber den Rechtsruck zu verantworten habe. Als er Ende April seinen Frieden mit dem Radikalreformer Boris Jelzin schloß und Kurs auf einen neuen Unionsvertrag wie auf die lange verschleppte Wirtschaftsreform nahm, schien die Entwicklung nach rechts gestoppt. In Wahrheit erwuchs bei den Reaktionären daraus der Entschluß zum Putsch.