Von Caroline Mascher

Nein, eigentlich hat Eda Kriseová gar keine Lust zur Politik, säße lieber heute als morgen wieder daheim an ihrem Schreibtisch und schriebe Bücher, statt, wie es derzeit ihre Aufgabe ist, den Präsidenten der Tschechoslowakei, Václav Havel, zu beraten. Doch was soll man machen in einem Land, das gerade eine samtene Revolution hinter sich, aber keine Politiker und Beamte hat, die sich in den Jahren kommunistischer Diktatur nicht die Finger schmutzig gemacht haben. Also gab es für die 51jährige Schriftstellerin kein Zögern, als Václav Havel sie nach seiner Wahl bat, mit ihm auf die „Burg“ zu gehen.

„Wir waren zu zehnt, als wir auf die Burg kamen, bewacht von einer sechsköpfigen freiwilligen Schutztruppe“, erinnert sich Eda Kriseovä an ihren ersten Arbeitstag vor anderthalb Jahren. „Wir fühlten uns wie in Kafkas Schloß. Es herrschte so eine angsteinflößende Atmosphäre. Überall saßen noch die Leute des früheren Innenministeriums. Es gab nirgendwo Platz für uns. Am Anfang saßen wir alle verschüchtert zusammen in einem winzigen Zimmer.“ In Erinnerung an dieses Bild des Jammers muß die Präsidenten-Beraterin plötzlich lachen.

Mittlerweile hat Eda Kriseovä ein eigenes Arbeitszimmer, einen großen, hellen Raum, den sie mit wenigen, aber edlen Stücken aus den Rumpelkammern der Burg möbliert hat. Vom Fenster aus überblickt man die Moldau und die Altstadt von Prag. „Wenn ich hier schon sitzen muß, dann nur in einem Zimmer mit schöner Aussicht“, lacht Eda Kriseová wieder voller Selbstironie. Mit ihrem schönen, hochwangigen Gesicht, den nach Art der siebziger Jahre in der Mitte gescheitelten, herunterfallenden Haaren und dem weich fließenden Strickkleid würde man sie eher auf einer Vernissage oder bei einer Dichterlesung wähnen als in der hohen Politik.

Die Arbeit auf der Burg hat sie nur übernommen aus einem Gefühl der Pflicht und Loyalität gegenüber ihrem Land und ihrem Freund aus Dissidenten-Tagen, Václav Havel. „Der Präsident braucht Leute, denen er vertrauen kann, die seinen Geist und seine Philosophie in die Amtsstuben tragen“, erklärt die Schriftstellerin ihr Engagement. Eine ihrer Aufgaben ist es, eine Beschwerdestelle aufzubauen nach dem Modell der schwedischen Ombudsmänner.

In mühseliger Überzeugungsarbeit versucht sie den ehemals kommunistischen Beamten beizubringen, wie man Briefe freundlich und bürgergerecht beantwortet. Auch nach dem Machtwechsel hatten die ihre Antwortschreiben ganz im alten Stil – ohne Anrede und in unhöflich rüdem Ton – verfaßt. Jetzt, nach anderthalb Jahren, meint Eda Kriseovä, müßten eigentlich professionellere Leute die Arbeit tun, die sie bisher getan hat, jemand, der in der Politik seine Lebensaufgabe sieht.

Die distanziert-ironische Haltung dem eigenen Tun, dem eigenen Leben gegenüber ist typisch für Eda Kriseovä, die Politikerin, die keine sein will. Vielleicht ist das ganz selbstverständlich so, wenn man wie sie von sich sagen kann, man habe mindestens zwei Leben gelebt.