Von Rainer Schauer

Am Mittwoch, dem 12. Juni 1991 – es ist ein sonniger und friedlicher Tag – entschließt sich Josef Gabriel zur offenen Rebellion. Der Bürgermeister von Bayerisch Eisenstein, Parteigänger der CSU, blockiert zusammen mit ein paar Gastwirten und dem gemeindeeigenen Unimog die Bundesstraße B 11, die durch den Luftkurort in die Tschechoslowakei führt. Seit der Grenzöffnung im vorigen Jahr donnern Lkw-Flotten und Pkw-Karawanen durch die 1700-Seelen-Gemeinde im Bayerischen Wald. Die kommt jetzt nicht mehr zur Ruhe. Es gibt hier nur diese Durchgangsstraße. Kilometerlange Staus sind die Regel. Bayern 3 meldet: Eine Stunde Wartezeit bei der Einreise in die Tschechoslowakei. Da wollte Josef Gabriel ein medienwirksames Protestzeichen setzen, für und gegen die Großkopferten in München und Bonn, die den Ort in den Wäldern vergessen haben. „Stoppt die Lkw-Flut“, fordern die Bürger von Bayerisch Eisenstein.

„Natürlich haben wir uns alle über die Öffnung der Grenze gefreut“, meint Gabriel heute, „weil wir bisher mit dem Rücken zur Wand lebten und von unserem natürlichen Hinterland Böhmen abgeschottet waren. Aber was dann passierte, konnten wir uns nicht vorstellen, nicht einmal erahnen.“ Nachdenklich beißt er in seinen Emmentaler, während im Festzelt die Kapelle „D’Schickeria“ und das Lied vom „Herzilein“ spielt und jemand lautstark durchs Mikrophon verkündet: „Die Sau am Spieß ist fertig.“

Von drüben, aus der nur vier Kilometer entfernten Zwillingsgemeinde Žélezna Rudä, das einmal Böhmisch oder auch Markt Eisenstein hieß, sind nur Anton Branys und seine Frau gekommen. Er ist stellvertretender Leiter des Zollamts von Žélezna Rudä. Mehr von drüben werden auch nicht kommen. Denn die böhmischen Nachbarn, sagt Brigitte, die Bedienung, „die haben doch nix, die können sich doch die Maß Bier nicht leisten.“ Die kostet beim Fest des Trachtenvereins 5,80 Mark. Fast hundert Kronen sind das, und der durchschnittliche Monatsverdienst liegt nur knapp über 3000 Kronen.

Bürgermeister Gabriel hat die Schirmherrschaft übers Volksfest am Eislaufplatz übernommen. Aber beim Schirmherrn will die Gaudi so recht nicht aufkommen. Die neuen Freiheiten machen den Kopf schwer im Fremdenverkehrsort Bayerisch Eisenstein.

Zuviel hat sich ereignet, und zu schnell ist manches seit dem 3. Februar 1990 über die Waldler gekommen. Damals wollte eine Menschenkette die katholischen Kirchen beider Gemeinden verbinden, um nicht nur die Absurdität der realen Grenze zu demonstrieren, sondern auch, um die „Grenzen in Herzen und Köpfen der Menschen“ überwinden zu helfen. So hätten es wohl die Politiker gesagt. 5000 Menschen wurden erwartet. Es kamen über 70 000. Es wurde ein Fest der Freude, der Verbrüderung und der Tränen. Und es schien, im Grenzgebiet zwischen Bayerisch Eisenstein und Žélezna Rudä sei das Fundament für das neu zu bauende Haus Europa gelegt worden. Man hat sich getäuscht. Vorläufig zumindest.

Freude auch am 1. Juli 1990. Da ging der Eiserne Vorhang endgültig hoch. Paß- und Visumszwang sowie der Pflichtumtausch waren abgeschafft; die rostigen Stacheldrähte wurden entfernt, die Stolperdrähte im Sperrgebiet zerschnitten, die Erdbunker verlassen, und die auf Menschenjagd dressierten Schäferhunde kamen in den Zwinger. Vorfahrt für die Freiheit. Sie endete, verkehrstechnisch gesehen, in einer Sackgasse. Vorläufig zumindest.