Von Carl-Christian Kaiser und Werner A. Perger

Bonn, im August

Das Warten auf Neuigkeiten aus Moskau verkürzt den Bonner Regierenden eine technische Errungenschaft, auf die sie recht stolz sind: das Abhören und Beobachten der Nachrichtensendungen des sowjetischen Rundfunks und Fernsehens durch Spezialisten im Bundespresseamt. Ein Sonderarrangement mit der Bundespost und den sowjetischen Partnern führte vor fünf Jahren zu diesem feinen, kleinen Informationsvorsprung. Was damals im Zeichen von Glasnost zumindest interessante Einblicke in die neue sowjetische Wirklichkeit unter Gorbatschow versprach – und eher spärlich genutzt wurde –, gilt jetzt als willkommene Arbeitshilfe. Soweit die sowjetischen Medien über den Umsturz in Moskau berichten, ist Bonn live mit dabei.

Die Opposition ist auf eigene Initiativen angewiesen. Gerd Weisskirchen beispielsweise, der Verbindungsmann der SPD-Fraktion zu den russischen Radikal- und Sozialdemokraten, bekommt über ein amtlich vermitteltes Staatsgespräch telefonischen Kontakt zu dem Sozialdemokraten Leonid Wolkow im Gebäude des russischen Parlaments in Moskau. Es ist Dienstag mittag: Wolkow hat wenig Zeit, draußen hat die große Kundgebung begonnen, auf der Boris Jelzin sprechen wird. Aber er informiert den deutschen Genossen von einer Nachricht, die den politischen Freunden des russischen Präsidenten aus dem KGB zugespielt worden sei: Sie alle sollen in den nächsten Stunden verhaftet werden, die Liste sei bereits bekannt.

Den Text der Jelzin-Erklärung vom Vortag hat sich Weisskirchen, der erst am Wochenende von einer Moskau-Reise zurückgekehrt war, per Telefax über Prag verschafft. Dort diente die tschechoslowakische Helsinki-Bürger-Versammlung – von der Charta 77 vor wenigen Jahren ins Leben gerufen – als Zwischenstation. Telefonische Verbindungswege aus Bonn ins Baltikum gehen zur Zeit über Skandinavien. Von dort aus sind die Repräsentanten der baltischen Staaten über ihre Funktelephone zu erreichen. Das klappt jedenfalls besser als Hans-Dietrich Genschers Versuche, in Moskau seinen Amtskollegen Bessmertnych oder dessen Vorgänger Schewardnadse zu erreichen. Telephonisch erwies sich das als unmöglich. Immerhin: Daß Bessmertnych am Dienstag noch im Amt war, konnte man, wenn man wollte, aus der Mitteilung seines Büros schließen, er werde noch am selben Tag aus dem Urlaub zurückerwartet, dann freilich werde Herr Bessmertnych wegen diverser Konferenzverpflichtungen zunächst weiterhin noch nicht erreichbar sein, leider. Ein Versuch des deutschen Botschafters in Moskau, Klaus Blech, in Genschers Auftrag mit Schewardnadse Kontakt aufzunehmen, scheiterte ebenfalls: die Straße zu Schewardnadses Wohnung war gesperrt.

Nachrichten, Bewertungen, persönliche Eindrücke: darauf käme es in den ersten Stunden und Tagen nach dem Putsch am meisten an, doch sie sind am schwierigsten zu bekommen. „Wir wissen kaum mehr als Sie“, lautete die häufigste Antwort der Verantwortlichen in Bonn zu Beginn der Krise. Sie hören Rundfunk, lesen die Tickermeldungen, beobachten die Fernsehsendungen.

Die ersten öffentlichen Reaktionen des Bundeskanzlers und des Außenministers sind noch vorsichtig. Zwar hat Helmut Kohl sich mit den Präsidenten in Washington und Paris und mit dem Premierminister in London abgesprochen. In seiner Erklärung vom Montagnachmittag aber geht es zunächst nur um die Einhaltung bestehender Verträge und Vereinbarungen, die er anmahnt, um die Achtung der Menschen- und Bürgerrechte entsprechend der verschiedenen KSZE-Dokumente, die Fortsetzung der bisherigen Abrüstungs- und Reformpolitik sowie um eine Garantie für die persönliche Unversehrtheit Michail Gorbatschows. Das ist mit gebührendem Ernst vorgetragen, klingt aber wie ein Nachruf auf den Gestürzten. Hat Bonn sich mit der Entwicklung schon abgefunden? Der Putsch in Moskau – ein Schicksalsschlag?