Von Luigi Vittorio Ferraris

ROM. – Im Nahen Osten mögen die Unsicherheiten der Europäer noch verständlich gewesen sein, aber in Europa fällt die politische Verantwortung zuallererst der Europäischen Gemeinschaft zu. Sie kann weder auf die UN noch auf die KSZE abgeschoben werden.

Das Europa der zwölf jedoch war nicht in der Lage, die Serben rechtzeitig zu bremsen. Vielleicht waren seine Diplomaten in Belgrad schlechte Ratgeber, weil sie sich von der Atmosphäre der – serbischen – Hauptstadt beeinflussen ließen und weil trotz vieler Worte in allen großen EG-Hauptstädten eine zentralistische Sichtweise zutiefst verwurzelt ist.

Die Vorstellung eines ewigen Status quo in Europa war bequem. Mit dem Kalten Krieg aber ging die gewohnte Stabilität verloren. Weise waren jene, die bei den KSZE-Verhandlungen in Helsinki fast im Vorgriff auf die Zukunft wohl an den Verzieht auf Gewaltanwendung bei der Veränderung von Grenzen, nicht aber an ihre Unveränderlichkeiten dachten. Damals gehörten die Deutschen übrigens nicht zu diesen Weisen.

Die Balkankrise ist der vorerst letzte Akt im Auflösungsprozeß des österreichisch-ungarischen Vielvölkerreiches wie der Entwicklung zu nationalen und ethnischen Staaten, die Versailles geplant und zur Hälfte durchgesetzt hatte. Der europäische Westen urteilt von oben herab und fordert von den Betroffenen ein rationales Verhalten, das er selbst vor fünfzig Jahren keineswegs gezeigt hat. Erst heute erkennt man die Widersprüchlichkeit zwischen dem Prinzip des Status quo, das die glücklichen Besitzenden im Westen sich wünschten, und unabwendbaren Veränderungen als zwangsläufige Folge der stets gepriesenen Selbstbestimmung.

Der Siegeszug der Freiheit in Osteuropa und das Ende der Zwänge des Kalten Krieges mußten diese Veränderungen beschleunigen. Der Westen selbst hat sie gefördert, als er in Helsinki den Vorrang der Freiheit proklamierte. Die von uns verratenen baltischen Länder und Jugoslawien sind Beispiele dieser Veränderungen, die Sowjetunion wird folgen. Immer geht es darum, rechtzeitig zu handeln, anstatt hinterher zu bremsen oder zu reparieren, wenn wir mit Schrecken erkennen müssen, mit wieviel Erfolg wir unsere westlichen Ideen verbreitet haben.

Im Falle Jugoslawiens weigert Europa sich, die einzig vernünftige Lösung in Betracht zu ziehen und anzuerkennen, daß die Einheit Jugoslawiens überholt ist. Die Erkundungen Genschers waren sehr viel sinnvoller, aber sie wurden sogleich zurückgewiesen. Warum? Sagen wir es frei heraus: weil Paris und London und selbst Rom in dieser Initiative den Ehrgeiz des „Großen Deutschlands“ sehen, seinen Einfluß „sogar“ auf den Balkan auszudehnen, nachdem es bereits seinen schützenden Mantel der Kultur, der Sprache und der Wirtschaft über die Tschechoslowakei, über Polen und Ungarn ausgebreitet hat. In Ermangelung konkreter Vorstellungen bei neuen Strukturen klammern sich auch die italienischen Politiker und insbesondere Außenminister de Michelis an den Status quo metternichscher Prägung.