Von Rudolf Walter Leonhardt

Die zuletzt in England lebende Amerikanerin deutscher Herkunft, Sylvia Plath, wäre jetzt 58 Jahre alt und hätte es vermutlich schwer, für ihre Gedichte einen Verleger zu finden. Da sie jedoch am 11. Februar 1963, ein Vierteljahr nach dem dreißigsten Geburtstag, ihrem Leben ein Ende setzte, faszinieren ihre Gedichte einen gar nicht so kleinen, jedenfalls treuen Leserkreis noch immer, vor allem in Amerika und England, aber doch auch in Deutschland. Oder sind es gar nicht so sehr die Gedichte, die faszinieren?

Gewiß leben diese schmerzlich wuchernden Metaphern-Orgien so nur auf dem Humus einer Lebensgeschichte, die ihnen durch ihr abruptes Ende post festum Glaubwürdigkeit verleiht. Das Ende selber bleibt rätselhaft. Die revoltierende Jugend der sechziger Jahre ebenso wie die Feministinnen haben Sylvia Plath als eine der Ihren für sich in Anspruch genommen. Eher von der anderen Seite her haben Psychologen erklärt, daß eine Perfektionistin ihres Schlages das Scheitern der Ehe im siebten Jahr nicht verwinden konnte. Und schließlich haben Psychiater einen klassischen Fall von Schizophrenie diagnostiziert. An jeder dieser Erklärungen ist etwas dran. Keine reicht aus.

Es ist doch das bessere Verfahren, die Gedichte nicht vom Leben her zu deuten, sondern sie zunächst für sich sprechen zu lassen. Sie sprechen dann schon vom Leben, vom Leben auch und gerade dieser eigenwilligen Frau, der man Bewunderung selbst dann nicht versagen kann, wenn eher Verwunderung sich aufdrängen will.

Alte Eindrücke ergänzt oder neue Eindrücke vermittelt das „Gedicht für drei Stimmen“ aus dem Band „Collected Poems“, den ihr damaliger Ehemann Ted Hughes 1981 herausgegeben hat. Die Frankfurter Verlagsanstalt hat den Band jetzt großzügig aufgemacht und gedruckt unter dem Titel „Drei Frauen – Three Women“. Dazu heißt es: „Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Aufführung durch Berufs- und Laienbühnen, des öffentlichen Vortrags, der Verfilmung und Übertragung durch Rundfunk, Fernsehen und andere audiovisuelle Medien.“ Selbst in unserer Kulturverwertungsgesellschaft kann ich mir nicht vorstellen, daß irgend jemand etwas Derartiges versuchen sollte, und noch weniger, daß ein solcher Versuch sich auszahlen könnte. Ein Komponist ließe sich vielleicht von diesem „Libretto“ inspirieren; und das zu verhindern wäre töricht.

Die drei Frauen sprechen nicht miteinander oder gegeneinander, sie sprechen jede für sich allein, und im Grunde spricht immer nur eine: Sylvia Plath. Es geht um die Tage vor und die Wochen nach einer Geburt. Sylvia Plath weiß, wovon sie spricht, sie hatte zwei Kinder geboren.

Allen drei Frauen gemeinsam ist die Angst vor der Geburt. Bei der ersten kann man die größte Gelassenheit, bei der zweiten auch Haß und Verzweiflung heraushören. Aber alles ist moduliert im gleichen Ton, wird bestimmt durch die gleichen Bilder. Am Ende unterscheidet nur das Ergebnis: Die „Erste Stimme“ gibt einem Jungen das Leben, die „Dritte Stimme“ einem Mädchen; das Kind der „Zweiten Stimme“ ist tot. Allen drei „Stimmen“ gemeinsam ist, daß die Geburt mit Ängsten erwartet, mit Schmerzen erlebt, im Rückblick erleichtert überwunden wird.