Ein „Nobel-Preis-Roman“? Das soll neugierig machen. Denn wer außerhalb der engen scientific Community kennt schon Carl Djerassi, den Biochemieprofessor von der Stanford-Universität? Er gilt durch die von ihm bewerkstelligte Synthese des Sexualhormons Gestagen als Vater der berühmten und für manche eher berüchtigten Pille, die vor drei Jahrzehnten die angebliche sexuelle Revolution durch medikamentöse Schwangerschaftsverhütung ermöglichte. Ein Traum schien erfüllt, der „Genuß ohne Reue“ versprach. Heute schlucken in der Bundesrepublik mehr als dreißig Prozent der jungen Frauen täglich die Pille. Carl Djerassi ist mit seiner Erfindung einigermaßen reich und in Fachkreisen auch berühmt geworden. Unter den vielen Ehrungen, die er erfahren hat, fehlt der Nobelpreis. Ob ihm das Kummer bereitet, verrät er nicht. Nun hat er einen Roman geschrieben: „Cantors Dilemma“. Thema: der Nobelpreis.

Den bekommt seine Romanfigur, der Fachkollege Professor Isidor Cantor, den uns Djerassi liebevoll vorstellt. Mit dem Namenskürzel IC will der Professor von seinen Kollegen und Studenten angeredet werden, um der in den Vereinigten Staaten üblichen Vornamenvertraulichkeit zu entgehen. Damit soll wohl auch die nicht auflösbare Fremdheit des aus Österreich vor Hitler in die Vereinigten Staaten emigrierten Wissenschaftlers signalisiert werden. Djerassi, dem gleiches Schicksal widerfahren ist, behauptet, keinen Schlüsselroman geschrieben zu haben. Als „Science in fiction“ soll das Buch vom Leser verstanden werden.

Die Versatzstücke sind real: Die von IC entwickelte bahnbrechende neue Theorie über die Entstehung von Krebs, die Tumorgenese, und der Wissenschaftsbetrieb einer Provinzuniversität im amerikanischen Bible Belt, dem mittleren Westen, sind Wirklichkeit. Damit über die Persönlichkeit des IC beim Leser kein Zweifel aufkommen kann, läßt ihn Carl Djerassi sehr unamerikanisch in Jugendstilmöbeln mit erotischen Bildern des österreichischen Malers Egon Schiele und mit Kammermusik leben.

Natürlich gehören dazu auch junge und kluge Frauen, die entweder, wie Celestine, Insekten untersuchen, oder Musikerin sind wie die etwas ältere Paula. Und da ICs wissenschaftlicher Helfer, der junge eifrige Sohn eines Baptistenpriesters, Jerry Stafford, auch Celestine, die Nichte von Paula, liebt, hat Carl Djerassi Gelegenheit, die außeruniversitären Aktivitäten des wissenschaftlichen Liebespaares sehr realistisch und mit Liebe für Details zu schildern. Diese kleine Anleihe bei amerikanischen Romancier-Kollegen, der leichte Touch von Sex und Society, auf den sich John Updike so glänzend versteht, tut der Geschichte übrigens sehr gut.

Und die geht so: IC muß, wissenschaftlichen Gepflogenheiten entsprechend, seine aufsehenerregende Tumorgenese-Theorie durch ein Experiment beweisen. Das soll der Lieblingsschüler Jerry im kurzen Zeitraum von drei Monaten durchführen, um rechtzeitig vor der Kandidatenauswahl für den Nobelpreis ein positives Ergebnis vorzulegen. Der Professor erwartet Erfolg und läßt daran keinen Zweifel, denn mittlerweile hat er vorsichtig die Grundzüge seiner neuen Theorie in einem angesehenen Wissenschaftsblatt publiziert. Das gehört zur Sicherung der Priorität seiner Forschungsergebnisse dazu. So muß Jerry Tag und Nacht im Labor zubringen und vernachlässigt wohl oder übel die sportliche selbstbewußte Celestine, die auch nicht ohne eigenen akademischen Ehrgeiz ist und gleichfalls Karriere machen möchte.

Nach drei Monaten bestätigt Jerry durch sein Experiment die Theorie seines Lehrers. ICs wissenschaftliche Sehnsucht nach dem höchsten Glück, mit dem Nobelpreis ausgezeichnet zu werden, scheint greifbar nahe. Nur noch die Hürde der kontrollierenden Wiederholung des Experiments in einem anderen Laboratorium muß das ungleiche Forscherpaar, der junge Jerry und der alte IC, nehmen.

Ein wissenschaftlicher Konkurrent von IC aus der berühmten Harvard-Universität soll diese delikate Aufgabe übernehmen, um seinem Konkurrenten den unabhängigen Wahrheitsbeweis zu liefern. Aber da gibt es unerwartete Schwierigkeiten, weil im fremden Labor der entscheidende Nachweis bestimmter Eiweißsäuren nicht gelingt. Da die Zeit drängt, führt Jerry den Versuch noch einmal durch, diesmal in Anwesenheit seines Chefs. Jetzt klappt alles. Aber da trifft nach Abschluß des Versuches ein anonymer Brief ein, der IC davon unterrichtet, daß sein Lieblingsschüler Jerry kurz vor Beendigung des Experiments heimlich nachts das Labor aufgesucht habe. IC schweigt dazu und läßt nur seine Musikfreundin Paula an ungeklärten Zweifeln teilhaben. Er und Jerry treffen die Reisevorbereitungen für Stockholm, denn die Verleihung des gemeinsamen Preises an 1C und Jerry ist nicht mehr aufzuhalten.