Ich traf ihn auf dem Markt in der Albert Cuypstraat. Ein Händler um die Fünfzig, in Jeans und Baumwollhemd, mit einer dicken goldenen Kette um den Hals und einem kräftigen, durchtrainierten Körper. Sein Stand war mir aufgefallen. Wie die meisten anderen war es ein einfacher Holztisch mit Segeltuchdach, aber darüber spannte an einem dünnen Eisengalgen ein monströser Büstenhalter. Gefertigt für eine Riesin, als Blickfang für die Kunden. Sein Warenangebot hatte sich also verändert. Unterwäsche, Slips und T-Shirts im Dreierpack, billige Dessous in Rot und Schwarz mit Spitzen, Schleifen und Druckknöpfen. Keine Wolle und keine Glasperlen mehr. Aber da wußte ich noch nicht, daß er es war.

„Das Gesicht des Straßenhändlers Abe Rogge ist zerschmettert. Von der Mordwaffe fehlt jede Spur. Die Polizei vermutet: Eine Art Morgenstern. Der Tote liegt in seinem Haus an einer malerischen Gracht in Amsterdam. In der Nähe tobt eine brutale Straßenschlacht zwischen Polizei und U-Bahngegnern. Es gibt viele Verletzte, aber einen Mord hat niemand beobachtet. Die Polizei steht vor einem Rätsel.“

„Der Commissaris besucht einen Transvestiten, der bald erstochen wird. Adjudant Grijpstra besucht eine Nutte, deren enorme Oberweite Brigadier de Gier ebenso verwirrt wie überhaupt der Umgang seiner Vorgesetzten. Und so schläft er mit einer Tatverdächtigen. Am Ende: Ein höchst aberwitziger Mord und ein äußerst simples Tatmotiv. Ein abstruser Fall ist gelöst. Aber Abe Rogge sagte immer: ‚Die Welt ist ein Narrenschiff.

Der Markt auf der Albert Cuypstraat besteht seit 1905. Es ist der größte in Amsterdam, ein riesiges, offenes Warenhaus. Bunt, lebendig und laut, wenn die Händler ihren oude kaas oder nieuwe haring anpreisen. Wenn zwischen Blumen und blumigen Stoffen ein Fischstand steht mit Männern in feuchten, blutigen Schürzen, die mit rosigen Fingern im zerstoßenen Eis zwischen glitzernden Fischleibern und Krebspanzern herumwühlen. Und auf der anderen Straßenseite eine kleine Vietnamesin, die ihr schrilles Loempia, Loempia, heel goed, heel goed! schreit.

Ob Haushaltsgeräte, Spielzeug, Billigklamotten, Obst und Gemüse, der Albert Cuypmarkt hat alles. Der alte Huthändler und seine Frau mit dem Haarnetz, mit hängenden Schultern in der abgetragenen braunen Strickjacke, stehen seit 35 Jahren hier, aber nur noch wenige Kunden kommen zu ihnen. Der Markt habe sich sehr verändert, weil die Bewohner des Viertels sich verändert hätten. Früher wären das bescheidene, hart arbeitende Leute gewesen, meist große Familien. Die kauften Schirmmützen und Kappen, manchmal einen Hut für die Frau zum Sonntag und zur Hochzeit der Tochter das Satinbarett mit Schleier. Aber die holländischen Familien sind in die Vororte gezogen. Jetzt wohnen hier viele Fremde, die haben ihre eigenen Geschäfte und kaufen keine Hüte.

„Man muß sich eben anpassen“, sagt der Dessous-Händler, „meine frühere Kundschaft roch nach Patschuli und trug Jesus-Sandalen, indische Baumwolle und darunter sicher keine BHs. Sie war kreativ und kaufte bei mir den Kram zum Selbermachen. Aber jetzt?“ Dann will er wissen, warum mich das interessiert.

„Weil ich für eine Zeitung ... auf den Spuren van de Weterings ... die Schauplätze seines Krimis ... die Stadt Amsterdam ...“ Aber ich kann gar nicht ausreden, weil der Kerl lacht und lacht und lacht, und die goldene Kette hüpft aus seinem Hemd, und er sagt: „Gestatten, ich bin Abe Rogge. Der tote Straßenhändler.“ Natürlich bin ich völlig baff, rechne nach, das Alter könnte stimmen. Die Gestalt, die Goldkette, wie im Buch. Ich frage nach: „Warst du das Vorbild für Abe Rogge?“ – „Das Vorbild und der Echte“, sagt er und lädt mich zu einem Kaffee ein.