Pech – so nennen wir gemeinhin das Eintreten des Mißgeschicks. Die peinliche Lage, in die der Moskauer Putschversuch unsere donnerstags erscheinenden Wochenzeitungen gebracht hat, kann man jedoch nicht als Künstlerpech abtun. Gewiß, die Verschwörer nahmen bei ihrer Terminwahl keine Rücksicht auf den Redaktionsschluß von Stern und Zeit, doch müßten Redakteure von Wochenzeitungen mit solchen Abstimmungsproblemen leben können und wissen, daß man über einen Schwerkranken keinen Nachruf veröffentlicht. Er könnte ja genesen. Am Morgen nach der Rückkehr Gorbatschows nach Moskau liest man nun in der Zeit die Schlagzeile „Michail Gorbatschows Ende und Erbe“...Nicht der unzeitige Redaktionsschluß ist in solchen Fällen das Problem, sondern das journalistische Bemühen, Ereignisse, die noch im Fluß sind, gleichsam aus der sicheren Distanz des Geschichtsschreibers in den Weltprozeß einzuordnen. Das klingt dann gewichtig und setzt sich wohltuend von der Nahblindheit ab, mit der die aktuellen Fernsehbilder uns den Blick auf die Zusammenhänge verstellen. Nur dürfen sich die Analytiker nicht von der Lichtgeschwindigkeit der Satellitenbilder zur Eile verleiten lassen. Eine Wochenzeitung mit der Diktion eines Geschichtsbuchs, aber mit der Aktualität der Abendnachrichten wird viele zum Schmunzeln anregen, doch die Wahrheit nicht immer auf ihrer Seite haben. Wer die Zeit nicht abwarten kann, für den gilt Gorbatschows umgekehrte Weisheit: Wer zu früh kommt, den bestraft das Leben. Frankfurter Allgemeine Zeitung

Am Montag, den 19. August fand nicht nur der Putsch in Moskau und auf der Krim statt. Er fand auch in unser aller Köpfen statt. Denn da hatte er die letzten zwei Jahre – ein sehr lebendiger Virus – gelauert. Als er kam am Montag, da hatten ihn alle (fast ohne Ausnahme) von George Bush bis Wolf Biermann, von Helmut Kohl (der ihn für den Vereinigungsspeed gut gebrauchen konnte) als fait accompli genommen und sich auf das Leben nach dem Putsch eingerichtet. Insofern wird die Ausgabe der Zeit von der Putschwoche als eine der ehrlichsten Publikationen zum historischen Dokument – die Stimmen der Ausgabe lassen ungefiltert von den Ereignissen des Mittwoch den Putschvirus in unseren Köpfen sprechen. Freimut Duve

in der Berliner Tageszeitung