Hartnäckig hält sich das Mißverständnis, der Unterhaltungskünstler Helge Schneider sei Schlagersänger oder Schlagersängerparodist – was kein Unterschied ist, denn billig und dämlich ist es, sich über Billiges und Dämliches lustig zu machen. Doch Helge Schneider überhebt sich nicht. Außer um die paar Zentimeter, die seine Plateausohlen hergeben. Von Herzen gönnt man sie dem körperlich zu kurz Gekommenen. Die Polyester-Schlaghosen schlackern um die Steckenbeine. Dicke rote Balken-Krawatte, glanzloser Filzkopf mit Tendenz zur Krankenkassen-Perücke, die Zähne wirken schon aus der Ferne faulig. Die ganze Erscheinung ungesund und tragisch, wie all die Frührentner, die erst noch Hausmeister werden und dann, ums Leben betrogen, früh sterben. Das ist nicht lustig. Da sucht so mancher sein Menschenrecht auf Glück, Gesundheit, Schönheit im Schlager, im Fernseher oder auf großer Kaffeefahrt – es hier zu finden ward schließlich versprochen.

Doch in einem Leben voller Mühsal, das man erst mit dem Tod „überstanden“ hat, darf auch dies Glück kein reines Vergnügen sein. Auftritt Helge Schneider mit seiner „Hardcore“-Band: „Wolln mal sehn, wie wir den Abend rumkriegen.“ Und so stakst der Entertainer-Verschnitt Schneider in aller Hoffnungslosigkeit mit gebeugtem Rücken und steifem Nacken zwei Stunden über die Bühne, macht dumme Witze (gerne auch auf Kosten anderer), singt mit kehliger Stimme „schöne Lieder“, schlägt die Gitarre und das Klavier, bläst die Trompete und die Klarinette mehr schlecht als recht, denn daß er ein Virtuose ist, braucht ja nicht gleich jeder zu merken. Begleitet wird er von Buddy Casino, Sombrero-Träger „direkt aus Las Vegas“, Akkordeon-Arbeiter, Klavier-Traktierer, aber vor allem „König der Farfisa-Orgel“. Manchmal fordert er einen „Riesenapplaus“ für „unseren Peter Thoms aus Königsberg“, den Schlagzeuger, „der heute sechzig wird“, angeblich in der Pause – „leider, leider“ – von einem Kampfhund zerrissen worden war, dann aber doch wieder auftritt. Und ab geht die Stimmungskanone. Gibt es einen Unterschied zwischen Sentimentalität und Brutalität?

Die Helge-Schneider-Show ist die traurige Familiengeschichte der geflüchteten Kleinbürgerkinder, die wir nun Alternative oder Akademikerinnen oder beides geworden sind und herbeiströmen, wenn sie gastiert in unseren Fluchtburgen, dem selbstgewählten Exil in den Universitätsmetropolen, im August beispielsweise in Berlin. Helge Schneider nimmt uns mit nach Hause in die Kleinstädte, nach dort, wo wir auf gar keinen Fall hin wollen – weder an Weihnachten noch, wenn Papa siebzig wird – weil wir sonst wieder eine Woche weinen müßten über das ganze verpfuschte Leben der Unseren. Doch: „Ich bin euer Freund“, johlt der „36jährige Mülheimer“. Das haben schon viele versprochen. Aber er korrigiert sich: „Ich bin Euer Freundes-Club.“ Und das ist ja noch viel-, viel-, vieltausendmal schlimmer, verlogener, billiger, betrügerischer – ein Abgrund an Abklatsch. Und darum lustig und versöhnlich und weise.

Helge Schneider verbessert die Welt, aus der wir kommen und an die wir am liebsten gar nicht erinnert werden wollten, ausgerechnet aus der muffigen Sphäre des Schlagers heraus, vor der wir einst in die Politik geflüchtet sind. Er wiederholt all die falschen Metaphern der Wunscherfüllungsindustrie, die grausamen Lügen der Nächstenliebe, denen unsere Eltern auf den Leim gegangen sind, und treibt sie auf die Spitze: „Hier meine Schuhe. So groß wie zwei Eimer Gehacktes. Vierjährige Kinder haben diese Schuhe genäht für zwei Pfennig in der Stunde. Danach sind sie gestorben. Und in diesen angeblich lustigen Schuhen sind nur meine ganz normalen Füße...“ Diese besinnlich dahergesagte Bosheit ist die radikalste Absage an die Verlogenheit und die ehrliche Form von Güte und Wärme – und eben Trauer.

So erobert Helge Schneider als eine Art Kohlenpott-Polt oder Revier-Valentin mit jedem Satz und jedem „schönen Lied“ ein Stück Heimat aus den Kassen des Naabtal-Duos, der Rheuma-Decken-Verkäufer, von Peter Alexander, Carolin Reiber, Herbert Czaja und Hubert Hupka zurück. Welch ein Künstler? Welch ein Stratege!

Gabriele Riedle

Helge Schneider und seine „Hardcore“-Band spielen im September am 6. und 7. in Zürich im „Theaterspektakel im Zelt“, am 14. und 15. in der Hamburger „Fabrik“, vom 16. bis 19. in Mainz im „Unterhaus“, am 20. im Konstanzer Stadttheater, am 21. und 22. im Stuttgarter Theaterhaus, am 27. in Hamm im Maximilianpark und am 29. und 30. im Kölner Ateliertheater.

In diesem Monat erscheint seine dritte CD mit selbstgesprochenen Hörspielen, ebenfalls im September kommt die CD „The last Jazz“ – Helge Schneider als Jazzmusiker – heraus.