Von Helmut Schmidt

Als Papst Leo XIII. am 15. Mai 1891 sich mit der ersten Sozialenzyklika der katholischen Kirche – „Rerum novarum“ – an die Welt wandte, war der vor wenigen Tagen gestorbene Oswald von Nell-Breuning gerade eben ein Jahr alt geworden. Vierzig Jahre später war der gleiche Mann, inzwischen Pater im Jesuitenorden und Professor an dessen philosophisch-theologischer Hochschule St. Georgen in Frankfurt, der geistig einflußreichste unter den Verfassern der zweiten großen Sozialenzyklika „Quadragesimo anno“, die Papst Pius XI. am 15. Mai 1931 unterzeichnete. Beide Enzykliken zusammengenommen darf man heute als Magna Charta der katholischen Soziallehre auffassen, obschon – oder gerade weil – in den letzten Jahrzehnten vielerlei päpstliche Rundschreiben hinzugekommen sind, denen ebenfalls das Etikett einer Sozialenzyklika zuteil geworden ist. Nell-Breuning selbst hat noch in jüngster Zeit von der Enzyklika „Laborem exercens“ des heutigen Papstes Johannes Paul II. gesagt, sie sei für unsere Verhältnisse noch aktuell, für den größten Teil der Welt werde sie erst in Zukunft aktuell; Neil-Breunings Loyalität gegenüber der Kirche war zu ausgeprägt, um seine Kritik allzusehr zuzuspitzen.

Diese geistig, wissenschaftlich und moralisch weit herausragende Gestalt des deutschen Katholizismus war ein Mann von großem Mut zur kritischen Erkenntnis. Seine Analysen und seine politischen, ökonomischen und sozialpolitischen Empfehlungen wuchsen auf dem Fundament einer umfassenden Bildung, geleitet von unbedingten ethischen Maßstäben. Wer heute eine seiner allerersten Schriften liest – inzwischen sind es fast zweitausend, darunter mehrere breit angelegte Bücher –, der kann erstaunen darüber, mit welch profunder Sachkenntnis er 1928 über „Grundzüge der Börsenmoral“ geschrieben hat; das Buch reicht von der Geschichte der Preistheorie bis zum Detail der Seehafen-Ausnahme-Tarife der damaligen Reichsbahn zugunsten Hamburgs und Bremens, über die Anerkennung volkswirtschaftlicher Berechtigung von Termingeschäften bis zur entschiedenen moralischen Verurteilung der beruflichen Wertpapierspekulation, die von den Verlusten anderer lebt. Die Gesetzgeber in Amerika, Westeuropa und Japan könnten aus diesem Buch noch heute lernen, sofern sie ernstlich den Bank- und Börsenskandalen den Boden entziehen wollten, welche jüngst die Finanzmärkte der Welt beunruhigt und erschüttert haben.

Die genaue Kenntnis des Details zeichnete den Mann aus, ob er über Gewerkschaften oder über Eigentum schrieb, ob über 35-Stunden-Woche, über die Gleichstellung der Frau in der Rentenversicherung oder über die Krise der Kirchensteuer. Sein Lebenswerk galt der Herstellung einer gerechten Sozialordnung. Sowohl der politische Katholizismus als auch die Gewerkschaften, sowohl die CDU als auch die Sozialdemokratie haben enorm viel von Nell-Breuning gelernt, er war immer zugleich Kritiker und Anreger, immer Mahner und zugleich Vorkämpfer. Das Godesberger Programm der SPD verdankte 1959 ganz wesentlich ihm das Verständnis für die gegenseitige Bedingtheit von Solidarität und Subsidiarität.

Wenn heute in Berlin darüber gerätselt wird, ob vielleicht ein Marx-Zitat über dem Portal der Humboldt-Universität unzeitgemäß und deshalb zu entfernen sei, so kann man sich selbst für diese ziemlich nebensächliche Frage bei Nell-Breuning Rat holen. Er nämlich hat den Satz voll ikzeptiert, nach dem zwar die Philosophen die Welt interpretiert hätten, es nun aber darauf ankomme, sie zu verändern. Nell-Breuning war ein guter Kenner von Marx wie auch der verschiedenen Spielarten des Marxismus. Er hat aus jenem Satz völlig andere Schlußfolgerungen gezogen als die Marxisten, aber auch er wollte die Gesellschaft verändern.

Nell-Breuning hat die Sozialbindung des Eigentums verlangt und gelehrt, aber ebenso die Mitbestimmung und ebenso die Beteiligung der Arbeitnehmer am Gewinn und an der Bildung von Vermögen.

Als ich ihn das letzte Mal in seinem überaus spartanischen Arbeits- und Schlafzimmer besuchte, hat er mir mit leiser Genugtuung davon gesprochen, daß das Bundesverfassungsgericht sich in einem Mitbestimmungsurteil von ihm hat leiten lassen. Er war ein ungemein bescheidener Mann. Seine Wirkung reicht weit über seinen Orden und über seine Kirche hinaus. Wir haben ihm für vieles zu danken.

Ein weiterer Beitrag zum Tode von Oswald von Nell-Breuning auf Seite 28 Norbert Blüm: Ein großer Kämpfer der leisen Töne