Von Hans Schuh

Vor fünfzehn Jahren, im Juli 1976, stieg eine Giftwolke aus der havarierten Chemiefabrik Icmesa und nebelte die Umgebung des norditalienischen Ortes Seveso ein. Spätestens seither gilt Dioxin als Inbegriff chemischer Verseuchung. Bilder von Kindern, an entstellender Chlorakne erkrankt, machten weltweit die Runde. Aus Vietnam kamen erschreckende Photos von in Gläsern konservierten, stark mißgebildeten Babys – als Hauptursache wurde Dioxin vermutet, das als Verunreinigung im Entlaubungsmittel Agent Orange enthalten war. Zahlreiche Reportagen über krebskranke Chemiearbeiter oder Vietnamveteranen prägten das Bild vom Ultragift.

In krassem Widerspruch dazu stehen neuere Berichte aus der Fachwelt mit dem Tenor: Die Dioxingefahr wurde wahrscheinlich überschätzt. Vor allem aus den USA kommen in jüngster Zeit entwarnende Signale. Und in der Bundesrepublik zeigt die Kieselrot-Affäre, wie ein zunächst als gigantisch bezeichnetes Umweltproblem sich weitgehend als Ente entpuppt. Vor wenigen Wochen war noch von einem Super-Seveso auf Hunderten Sportplätzen die Rede. Nun werden diese Plätze wieder freigegeben, allerdings sträuben sich noch einige Bundesländer wie Niedersachsen und Bremen gegen diesen Schritt. Wie kommt es zu solchen Widersprüchen?

Seit über zwanzig Jahren wird das Dioxinproblem erforscht, viele Milliarden sind bisher in die Gefahrenabwehr geflossen. Deshalb sollte man ein halbwegs einheitliches Bild der Risikobewertung erwarten. Doch weit gefehlt. Sogar die zuständigen Behörden der Industriestaaten beurteilen diesen Stoff nach Richtwerten, die mehr als tausendfach auseinanderklaffen.

So wird für weitverbreitete Umweltgifte, die mit der Nahrung in den Körper gelangen, behördlich eine „duldbare tägliche Aufnahme“ (DTA) festgelegt. Die DTA-Menge soll „aus Vorsorgegründen“ möglichst nicht überschritten werden, sonst seien langfristige Gesundheitsschäden nicht auszuschließen. Ein wichtiger Grund für rigorose Richtwerte ist, daß sich Stoffe wie DDT, PCB oder die zahlreichen, eng miteinander verwandten (halogenierten Dibenzo-) Dioxine im Fettgewebe anreichern (im folgenden ist mit Dioxin das 2,3,7,8-TCDD gemeint beziehungsweise die Summe aller Dioxine und Furane, umgerechnet auf TCDD-Äquivalente). Den strengsten DTA-Wert für Dioxin hat die amerikanische Umweltbehörde EPA bereits vor längerer Zeit festgesetzt. Demnach dürften US-Bürger täglich nicht mehr als 0,006 Pikogramm Dioxin pro Kilogramm Körpergewicht (pg/kg) zu sich nehmen. Ein Pikogramm entspricht einem billionstel Gramm (1/1 000 000 000 000 g).

Die amerikanische Nahrungs- und Arzneimittelbehörde FDA dagegen läßt mit einem DTA-Wert von 0,06 pg/kg eine zehnfach höhere Belastung zu. Weit duldsamer ist man in Europa. Das Berliner Bundesgesundheitsamt sieht die Grenze bei 1 pg/kg. Für die Niederländer gelten 4 pg/kg als sicher. Erst vor wenigen Monaten hat die Weltgesundheitsorganisation WHO ihren DTA-Wert nach sorgfältiger Prüfung zehnfach hochgesetzt, sie propagiert nunmehr 10 pg/kg. Auch Kanada und Großbritannien halten diesen Wert für den besten.

Toxikologisch ist die mehr als tausendfache Diskrepanz zwischen den behördlichen Daten eine Groteske. Wer täglich fünf Gramm Salz zu sich nimmt, mag fröhlich leben. Wer täglich fünf Kilogramm Salz herunterwürgt, ist des Todes. Ein Liter Wasser pro Tag ist lebensnotwendig, wer tausend Liter schluckt, ist reif für das Guinness-Buch der Rekorde – und den Friedhof. Doch welcher Dioxinrichtwert kommt der Wahrheit am nächsten? Die Wissenschaftler müssen sich international bald einigen, wollen sie dauerhafte Glaubwürdigkeitsverluste und milliardenschwere Fehlentscheidungen vermeiden.