Auf einer Sträflingsinsel 1500 Kilometer östlich von Java hat Pramoedya Ananta Toer, der wohl bedeutendste Romancier Indonesiens, sein Hauptwerk begonnen. Da der Verbannte weder Stift noch Papier besaß, fing er irgendwann 1973 an, seinen Mitgefangenen nach der täglichen Zwangsarbeit jene Geschichte zu erzählen, die er seit vielen Jahren, seit seiner Verhaftung, im Kopf mit sich herumgetragen hatte. Es war die lange und komplizierte Geschichte von Minke, dem jungen Javaner, der im Jahre 1898 achtzehn Jahre alt wird und allmählich immer bewußter die Unterdrückung und Ausbeutung seines Volkes durch die Kolonialisten im holländisch beherrschten Ostindien erlebt.

Pramoedya, dessen Schriften bis zum Sturz Sukarnos und der Machtübernahme Suhartos 1966 Pflichtlektüre an den indonesischen Schulen waren, ist von keinem ordentlichen Gericht je angeklagt, gehört oder verurteilt worden. Hatten sich die Verhältnisse seit der Jahrhundertwende, trotz nationaler Unabhängigkeit, so wenig geändert? Eine Frage, die sich auch beim Lesen seiner Romane ständig aufdrängt. Zeitlos mochte dem Verbannten und seinen Leidensgenossen die grausame Fron auf der Insel Buru, fern aller Zivilisation, erscheinen. Der Schriftsteller aber, damals 48 Jahre alt, stellte der täglichen Erniedrigung seine von Humanität und Geschichtsbewußtsein geprägten Erzählungen gegenüber. Und wer etwas zu erzählen hat, der hat die Hoffnung und sich selbst noch nicht aufgegeben. Wer ihm zuhört, glaubt noch an eine Zukunft.

Später dann, als man dem prominenten politischen Häftling, dessen Schicksal bereits internationale Aufmerksamkeit erregte, eine Schreibmaschine gestattete, wuchs aus den erzählten Geschichten jener monumentale Romanzyklus, der inzwischen zur modernen Weltliteratur zählt: „Das Werk der Insel Buru“. Kurz nach seiner Freilassung 1979 erschienen in Indonesien die ersten beiden Bände „Bumi Manusia“ (Erde der Menschheit) und „Anak semua Bangsa“ (Kind aller Völker). Der Erfolg war sensationell: Innerhalb weniger Monate wurden 80 000 Exemplare verkauft – eine Auflage, die zuvor kein Buch in dem mit 173 Millionen Einwohnern fünftgrößten Land der Erde erreicht hatte. Auch von offizieller Seite erntete Pramoedya anfangs Lob. Der damalige, inzwischen verstorbene Vizepräsident Adam Malik riskierte es, die Romane des ehemaligen Buru-Häftlings der jungen Generation als Lektüre zu empfehlen.

Doch des Vizepräsidenten Urteil konnte die neuerliche Achtung des Schriftstellers nur vorübergehend aufhalten. 1981 wurden beide Bücher verboten. Nicht anders sollte es dem dritten Band „Jejak Langkah“ (Fußspuren) und dem vierten „Rumah Kaca“ (Glashaus) der Roman-Tetralogie ergehen. Der Bannstrahl des Suharto-Regimes traf sie jeweils kurz nach der Veröffentlichung – mit der fadenscheinigen Begründung, ihr Handlungsablauf verrate „kommunistisches Gedankengut“.

Mag sein, daß für deutsche, für europäische Leser die Brisanz der Romane von Pramoedya Ananta Toer nur schwer nachzuvollziehen ist. Seine literarische Auseinandersetzung mit der Kolonialgeschichte und der Macht in einem anrührend integren Bildungs- und Entwicklungsroman vermag hier keine Ketten mehr zu sprengen. In einer Kultur, der Konfliktvermeidung über alles geht und die Herrschaftsverhältnisse als gottgewollte Hierarchien hinnimmt, müssen Pramoedyas Menschenrechtsbotschaften jedoch wie eine Herausforderung wirken.

Nachdem bisher als einziger der erste Band der Buru-Tetralogie in deutscher Übersetzung unter dem Titel „Garten der Menschheit“ (zuerst 1984 in der Berliner EXpress Edition, 1987 im Rowohlt-Taschenbuch Verlag) erschienen war – als erster großer Roman aus der Region Südostasiens überhaupt –, ist nun, schon lange angekündigt, in dem kleinen Schweizer Strom-Verlag der zweite Band herausgekommen: „Kind aller Völker“.

Dieses „Kind aller Völker“ ist Minke, Pramoedyas Protagonist und Ich-Erzähler, jener junge Javaner adeliger Abstammung, den wir bereits aus dem „Garten der Menschheit“ kennen. Ein hochgebildeter Pribumi, ein Eingeborener, der fließend holländisch spricht und in der Sprache der Kolonisatoren für deren Zeitungen zu schreiben beginnt. Die widersprüchlichen, schmerzlichen Erfahrungen Minkes, der, seines kulturellen Erbes unsicher geworden, anfangs so schwärmerisch die Ideale seiner europäischen Lehrmeister vertritt, bis er am eigenen Leib die brutale Wirklichkeit des „weißen Gesetzes“ erlebt, machen ihn zur Symbolfigur des beginnenden Unabhängigkeitskampfes. Zugleich gelingt es Pramoedya, in diese Figur die Welt der Jahrhundertwende und die sich ankündigenden Umbrüche wie in einem Prisma zu bündeln.