Die erstaunlichste Äußerung in diesen erstaunlichen Tagen kam von dem Schriftsteller Stephan Hermlin. Der Moskauer Staatsstreich, so sagte er laut dpa, sei eine „Konterrevolution“ und deshalb zu verurteilen. Der Begriff verrät die Ohnmacht einer anachronistischen Ideologie. Konterrevolutionär wäre nämlich der Versuch gewesen, „eine durch Revolution geschaffene Ordnung zu stürzen und die vorrevolutionären Zustände wieder herzustellen“. So definiert es das Lexikon, und so versteht es der übliche Sprachgebrauch. Dasselbe Lexikon (Meyers) empfiehlt uns, unter Putsch einen „Umsturz“ zu verstehen, der „von subalternen Gruppen (Militärs) durchgeführt wird, die, im Gegensatz zu den Initiatoren eines Staatsstreichs, (noch) nicht Teilhaber der Staatsgewalt sind“.

So war also der Moskauer Umsturzversuch kein Putsch, weil seine Urheber Teilhaber der Staatsgewalt sind (waren). Er war aber schon gar nicht eine Konterrevolution, sondern der Versuch, die von Gorbatschow halbherzig eingeleitete Konterrevolution zu stoppen. Jene Konterrevolution, die Jelzin im Zeichen der vorrevolutionären weißblauroten russischen Fahne zum Sieg führen will.

Die Begriffsverwirrung, die den geübten Kommunisten Stephan Hermlin erfaßt hat, ist aufschlußreich und symptomatisch. Aufschlußreich, weil sie zeigt, wie tief das „alte Denken“ in die Köpfe eingegraben ist, nicht bloß Hermlins, sondern all jener, die immer noch an einen dritten Weg glauben, der zwischen Kapitalismus und Stalinismus hindurch zum endlich wahren Sozialismus führen soll. In Gorbatschow, der den Sozialismus nicht aufgeben und die Kommunistische Partei reformieren wollte, sahen sie den Mann ihrer Illusionen. Die Perestrojka war der Versuch, das sozialistische Projekt durch Modernisierung zu retten. Die Perestrojka ist gescheitert, weil die Modernisierung zwar stattfindet, aber unter Preisgabe des Sozialismus.

Symptomatisch ist Hermlins Begriffsverwirrung, weil sie Teil einer objektiven Verwirrung ist. Häufig ist die Rede von den „Rechten“ im Moskauer Staatsapparat, und gemeint sind jene orthodoxen Kommunisten, die am marxistisch-leninistischen Konzept festhalten und früher „links“ genannt wurden. Wollte man sie jetzt „rechts“ nennen, dann müßten ihre Gegner, also Jelzin und die hinter ihm stehenden politischen Kräfte, „links“ sein. Das sind aber nur wenige. Dominant ist ein russischer Patriotismus, der sich bislang verpönter Traditionen entsinnt und den man früher mit aufklärerischem Hochmut „irrational“ genannt hätte. Ernst Jandl kann 1966, als er sein berühmtestes Gedicht, „lichtung“, veröffentlichte, gar nicht gewußt haben, wie recht er behalten würde: „manche meinen / lechts und rinks / kann man nicht / velwechsern. / Werch ein Illtum!“

Diese Velwechsrung hatte sogar von jenen Moskauer Demonstranten Besitz ergriffen, die dem deutschen Fernsehreporter sagten: „Die Faschisten werden nicht Fuß fassen“ und damit die Kommunisten meinten, die Gorbatschow beseitigen wollten. Eine tragikomische Marginalie lieferte ein Demonstrantenhäuflein der ehemals Ostberliner Humboldt-Universität mit dem Transparent „Faschisten raus aus dem Kreml!“ Bösewichte nannte man im Osten traditionsgemäß „Faschisten“, auch wenn es sich um Stalinisten handelte. Auch bei uns war das so, vor allem in den sechziger Jahren, als jeder, der sich politisch abweichend verhielt, Faschist geschimpft wurde und als Jürgen Habermas, um dem Begriffsdilemma zu entgehen, den Terminus „Linksfaschismus“ prägte (was er später oft bereut hat). Vor einiger Zeit gab es in Hamburg Proteste gegen die Wohnungsbaugesellschaft Saga wegen angedrohter Räumung besetzter Häuser. Einige Demonstranten sprachen von der „stalinistischen Saga“, offenbar in dem Gefühl, das Schimpfwort „faschistisch“ sei nicht mehr stark

Die wirkliche Pointe all dieser Begriffsverwirrungen besteht darin, daß der Unterschied zwischen rechts und links, zwischen konterrevolutionär und revolutionär, zwischen faschistisch und stalinistisch all jenen, die damit traktiert wurden, nach langer leidvoller Erfahrung völlig Wurscht ist. Und damit haben sie recht. Ulrich Greiner genug.