Informationen sind nützlich – Beratungszwang produziert Abwehr

Von Martin Koschorke

Die Politiker sind sich weitgehend einig: Schwangere Frauen, die abtreiben wollen, sollen beraten werden. Auch die Berater sind sich einig: Beratung ist nicht das Wundermittel, von dem die Politiker auf der Suche nach einer neuen Gestalt des Paragraphen 218 offenbar träumen.

In der Schwangerschaftskonflikt-Beratung wird seit Jahren mit viel Einsatz, großem Engagement und hoher fachlicher Kompetenz beraten. Die Erfahrung ist eindeutig: Beratung, die nützen will, muß freiwillig sein. Ungewollte, erzwungene Beratung in einem existentiellen oder seelischen Konflikt ist von vorneherein mit so vielen Nachteilen belastet, daß sie häufig wirkungslos ist.

Wenn Politiker und Fachleute über Beratung reden, geraten zwei Dinge ständig durcheinander: Beratung, die auf angemessene Weise soziale Informationen vermittelt, die eine Schwangere oder das Paar benötigen, um verantwortlich entscheiden zu können; und Beratung, die in einem Entscheidungskonflikt, der häufig mit einer Lebenskrise einhergeht, verständnisvoll begleitet.

Eine Frau, die im Zweifel ist, ob sie ihre Schwangerschaft austragen kann oder nicht, sollte die Gelegenheit haben, in einem Gespräch einen Überblick über alle Maßnahmen und Hilfen zu gewinnen, die auf ihren Entschluß Einfluß haben könnten. Eine Pflichtberatung in diesem Sinne, die auch die Informations- und Beistandspflicht des Staates unterstreicht, läßt sich durchaus vertreten. (Für eine derartige Informationspflicht gibt es Beispiele. In einigen Staaten der USA etwa müssen geschiedene Eltern Veranstaltungen besuchen, in denen ihnen die Folgen der Scheidung für ihre Kinder erläutert werden.) Allerdings muß dann auch ein Rechtsanspruch auf substantielle Unterstützung bestehen. Derzeit ist die Informationsberatung, trotz beachtlicher finanzieller Anstrengungen gerade auch der Kirchen, häufig eine Farce. Nicht selten bekommen die Berater den Zorn der Frauen zu spüren: „Was, Sie sagen, da gebe es Hilfe? Arbeit können Sie uns nicht beschaffen, eine Wohnung können Sie uns nicht besorgen, unsere Schulden können Sie nicht übernehmen. Von der Hilfe, die Sie uns anbieten, kann man nicht leben und nicht sterben!“

Wer Beratungspflicht im Konfliktfall gesetzlich festschreibt, geht davon aus, ein Wesen vor sich zu haben, das allein auf der rationalen Ebene funktioniert; jemand, der sich soziale Angebote anhört, die Informationen verarbeitet und dann eine Entscheidung fällt. „Gewährleistung optimaler Entscheidungsrationalität“ heißt das im juristischen Jargon so schön.