Von Maria Huber

Moskau, im August

Rußlands starker Mann ist plötzlich ein gefeierter Staatsmann. Mit dem neugewonnenen politischen Format stellt Boris Jelzin seinen alten Rivalen in den Schatten. Michail Gorbatschow hat mit dem russischen Präsidenten per Handschlag vereinbart, er solle im Notfall für ihn die Geschäfte weiterführen. Doch Jelzin diktiert in Wirklichkeit Tempo und Taktik der Politik – und dies nicht erst, seitdem Gorbatschows Scheitern durch den Putschversuch offensichtlich geworden ist. Jelzin hat seine Siege – anders als Gorbatschow – in freien Wahlen und durch Kampfabstimmungen im russischen Parlament errungen.

Der Streß hat den ehemaligen Sportler mit der Tanzstundenfrisur rundlicher werden lassen. Sein politisches Gewicht ist in der Abwehr des trotz aller Stümperhaftigkeit todernsten Staatsstreiches sprunghaft gewachsen. „Wir werden nicht zulassen, daß Rußland erneut unter den Bann ideologischer Dämonen gerät“, sagte er nach dem Zusammenbruch des Putsches. Die Demokraten und ihr Präsident Jelzin waren das eigentliche Ziel des Umsturzversuches. Denn sie haben sich konsequent – anders als Gorbatschow – gegen die militanten Rechtskräfte in den Parlamenten und Apparaten gestellt.

Der Bauingenieur und vormalige Parteiboß aus dem Ural ist kein Mann für laue Kompromisse. Er ist eine Kämpfernatur. Auf die Frage, ob er in der Nacht, als der Sturm auf das „Weiße Haus“ an der Moskwa, auf seinen Amtssitz, stattfinden sollte, Angst gehabt habe, antwortete unverkennbar der frühere Volleyball- und heutige Tennisspieler: Er denke beim Kampf nicht an die Niederlage, nur an den Sieg.

Keine Sentimentalitäten, keine Illusionen. Vor den Kameras sitzt er wie ein König; die rechte Hand legt er immer wieder an die linke: ihm fehlt ein Zeigefinger – als Junge wollte er eine Granate auseinandernehmen. Er gestikuliert nur mit der rechten Hand. Die andere bleibt ruhig, ist gleichsam die Erdung seines mitunter blitzartigen Temperaments. Ruhiges Sitzen, Aktenberge studieren oder mit Apparatschiks zu fachsimpeln ist seine Sache nicht.

Wo es brennt, da kommt Jelzin hin. Nur zehn Tage vor dem Putsch absolvierte er einen aufreibenden „Arbeitsbesuch“ im westsibirischen Ölgebiet Tjumen. Nach mehreren Abstechern zu Bohrstationen und Barackensiedlungen wischte er den im Elfenbeinturm von Forschungsgruppen und Funktionären vorbereiteten regionalen Entwicklungsplan als völlig unbefriedigend vom Tisch. Er entschied sich energisch für die Erhöhung der Öl- und Energiepreise. Diesen schon seit dem Herbst 1989 fälligen Schritt zur Reform des Preisgefüges haben damals die von der Gewerkschaftszentrale organisierten Proteste der „Werktätigen“ verhindert. Der Hauptdrahtzieher und Hetzer gegen die Reformer Abalkin und Jelzin war eben jener Gennadij Janajew, von dem der Westen bis zum Putsch Reformen erwartete.