Im Tumult der neuen Revolution notierte der Reformpolitiker, wie er den Putsch, den Präsidenten und das Volk erlebte

Mir ist die Eitelkeit eines Politikers fremd, der stolz darauf ist, das Geschehene richtig vorhergesagt zu haben. Ebensowenig wäre es meine Art, jetzt selbstzufrieden auszurufen: „Das habe ich doch gleich gesagt!“ Im Gegenteil, nach meinem Rücktritt habe ich meinen Freunden immer wieder versichert: „Ich werde glücklich sein, sollte meine Prognose nicht eintreffen.“ Sie hat sich aber doch zu meinem Unglück als korrekt erwiesen.

Ebenso wie alle anderen mache ich mir zutiefst erschüttert Gedanken, was wir in diesen Tagen und Nächten erlebt haben.

Die Geschehnisse vom 19. bis 21. August werfen ein grelles Licht auf die Leinwand des Gedächtnisses und erhellen vieles auf neue Weise. Jenes Licht ist zwar intensiv, doch es blendet nicht, sondern verschärft die Kontraste. Mancherlei Tatsachen, Beobachtungen, viele Gedanken, Vermutungen und unvermittelte Einsichten, manche Zweifel, die aufkamen und wieder verschwanden – all die Fragmente des realen Lebens, die Herz und Verstand so leicht verletzen können und die mich veranlaßt hatten, so und nicht anders zu handeln, sie alle haben sich dieser Tage zu einem Mosaik gefügt, zu einem zusammenhängenden Bild: Ich begriff. Alles, was ich über die schleichende Diktatur dachte, die sich heimlich an die Errungenschaften der Perestrojka heranpirschte, alles, was ich sagen wollte, hatte ich in meinem Buch bereits gesagt. An dem hier gezeichneten Bild gilt es nur noch einige wenige, allerdings sehr, sehr wesentliche Pinselstriche zu ergänzen.

Während der vergangenen zwei Jahre, vom April 1989 an, hatte mich ein Gefühl der Depression nicht losgelassen. Die Ereignisse im Lande, in meiner Umgebung – aber auch meine eigenen Gedanken – bestürzten mich tagein, tagaus. Immer drohender schien mir die reale Gefahr einer Explosion, die ich nicht genau zu benennen wußte, wenngleich aus meinem Unterbewußtsein langsam ihr Name auftauchte: „Diktatur“.

Im Morgengrauen des 19. August dann wurde ich von der Stimme eines Rundfunksprechers geweckt. So erfuhr ich, daß im Lande der Notstand verhängt worden war. All das, wovor ich Angst hatte und vor dem ich gewarnt hatte, all das war eingetreten. Seltsamerweise verspürte ich nichts als ein Gefühl der Erleichterung. Ganz so, als wären all die Gewichte von meinem Herzen abgefallen, die es so viele Monate lang beschwert hatten. Alles, was die Seele quälte und keine Ruhe gab, war in einem Augenblick verweht und verschwunden, so wie sich Nebel bei starkem Wind verflüchtigt. Namen, Absichten, Taten wurden mir klar. Verschwommene Schatten nahmen die Deutlichkeit konkreter Gestalten und Personen an.

Erstaunlich war auch, daß alle meine Sorgen zurücktraten, verdrängt durch dieses Erlebnis der absoluten Klarheit: Das ist eine Verschwörung der Verlierer, deren Anstifter, Organisatoren und Teilnehmer von Anfang an zum Scheitern verurteilt waren. Feierlich lasen Rundfunk- und Fernsehsprecher ihre Erklärungen herunter, ich aber dachte daran, daß all ihre Deklamationen einem Volke galten, das es in dieser Form gar nicht mehr gab. Ihre uralten Worte verhallten in der dunklen Höhle unserer Geschichte; die Hörer aber hatten schon längst den Ausgang aus jener Höhle gefunden, und die makabren Appelle fanden den Weg zum Verstand und Herzen des Volkes nicht.