Nein, hier hat sich kaum etwas verändert. Domingos muß es wissen. Einundzwanzig Jahre lang hatte er in Köln als Schlosser gearbeitet. 1985 kehrte er mit seiner Familie nach Portugal in seinen Heimatort Ponte de Lima zurück und kaufte sich das „Café Tijuca“ am großen Marktplatz. Nachmittags, wenn die Sonne hoch über dem Lima steht, dessen Flußbett direkt an die gegenüberliegende Seite des Platzes reicht, hat man von Domingos Café einen herrlichen Blick über die Hügel des Alto Minho. Und wirklich, hier scheint die Zeit stehengeblieben zu sein. Die wirtschaftliche Entwicklung, auch die des Massentourismus, ist an dieser üppigen, grünen Landschaft im Norden Portugals vorbeigegangen.

Das milde Seeklima – die Atlantikküste ist nur dreißig Kilometer entfernt – sorgt auch im Sommer für regelmäßigen Regen. Die Vegetation dankt es mit unbändigem Wuchs. Der Wein gedeiht wie Unkraut, dient als Heckenbepflanzung, als Schattenspender für Innenhöfe und Wege und natürlich auch zur Herstellung des berühmten Portweins und des Vinho Verde, und nirgends sah ich so große Magnolien- und Kamelienbäume.

Wie schön ein Flußlauf sein kann, wenn er von Begradigungen, Regulierungen und Ausbaggerungen verschont geblieben ist, erlebe ich bei einer Wanderung an den Ufern des Lima, der in sanften Windungen aus den Bergen des Nationalparks Peneda Geres Richtung Atlantik fließt. Obwohl der Fluß hier gut fünfzig Meter breit ist, (kann ich ihn ohne weiteres durchwaten. Ausgedehnte Sandbänke und sumpfige Auen liegen im Lima, hierher treiben die Bauern ihre Kühe und Schafe.

So unberührt wie die Natur ist auch das Leben der Menschen geblieben. Im äußersten Norden Portugals, einem reinen Agrarland, müssen die Kleinbauern mit sehr wenig auskommen. Oft sieht man Frauen und Kinder mit einer Kuh die Feldwege entlanggehen, damit das Tier das Grün am Wegesrand abgrasen kann. In den Dörfern begegnet man mehr Ochsenkarren als Autos. Viele Frauen waschen die Wäsche wie früher im Fluß und lassen sie dann von der Sonne im Sand bleichen, eine Arbeit, die oft den ganzen Tag dauert.

Wer sonntags früh gegen sechs Uhr schon auf den Beinen ist, begegnet auf allen Wegen Männern in altmodischen Anzügen, Frauen mit Blumen im Arm und herausgeputzten Kindern. Sie streben der nächsten Landstraße zu, treffen dort auf andere und machen sich – einer Prozession gleich – auf den Weg zur Frühmesse in die größte Kirche des Kreises. Für viele bedeutet das einen Fußmarsch von einer Stunde.

Die Menschen im Alto Minho strahlen Gelassenheit aus. Der Versuch, den Inhalt der Speisekarte mit Hilfe des Wörterbuchs zu entziffern, hat die geradezu väterliche Fürsorge des Wirtes zur Folge, die darin gipfelt, daß er uns ausredet, zweimal „Bacalhau“, das traditionelle Fischgericht Portugals, zu bestellen, eine Portion reiche für zwei. Bei einem Spaziergang durch die Felder kommt ein Junge auf mich zugelaufen. Freudestrahlend hält er mir drei Zweige voller Kirschen entgegen. Ich habe kein Geld dabei und deute das an. Er lächelt amüsiert, schüttelt den Kopf, drückt mir die Zweige in die Hand und läuft fröhlich zum Kirschbaum zurück, in dem der Rest der Familie laut lachend Kirschen pflückt.

Ponte de Lima ist trotz seiner nur 5000 Einwohner Zentrum des städtischen Lebens im Alto Minho. Einst römische Festung, erhielt der Ort schon im Jahre 1125 nach Christus den Status einer Stadt. Heute noch präsentiert sich Ponte de Lima in schlichter Schönheit, kein Hochhaus stört. Die Geschäfte in den schmalen Gassen rund um den Marktplatz sind oft nur wenige Quadratmeter groß. Hier gibt es kleine Flußfische zu kaufen, Obst und Gemüse, Brot aus Mais und Roggen, eine Spezialität der Gegend.