Von Jürgen Dahl

Sternstunde für den Gärtner: Wenn er spätabends in den Garten geht und im Gras ein glühendes Glühwürmchen – zoologisch korrekt: einen leuchtenden Leuchtkäfer findet, den er dann der Gärtnerin noch leuchtend zu Füßen legen kann, nebst einigen passenden Sprüchen: Nicht die Sterne vom Himmel, aber die Glühwürmchen aus dem Garten, und so fort.

Das Informative liefert er erst am nächsten Morgen nach: Es war ein weibliches Glühwürmchen, und weibliche Glühwürmchen sind leicht zu fangen. Sie können nicht fliegen, sondern liegen einfach auf dem Rücken und leuchten drei Stunden lang vor sich hin, wobei sie „mit dem Hinterleib winken“ (so steht es bei Jacobs/Renner, Taschenlexikon zur Biologie der Insekten). Daß die Weibchen leuchten, ist verständlich, irgendwie müssen sie sich ja bemerkbar machen. Warum die suchend umherfliegenden Männchen ab und zu ihr Licht anknipsen, weiß man aber nicht. Dafür kennt man die Stoffe, die an diesem „kalten“ Leuchten beteiligt sind: d-Luciferin, Luciferase und Adenosintriphosphat. Die Chemie der Liebe ist immer irgendwie ernüchternd (ausgenommen in den „Wahlverwandtschaften“).

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Anderthalb Tage lang diskutierten bewanderte Damen und Herren im Bullenstall: über die Morphologie der Wegerichgewächse, über die Pflanzenseele bei Empedokles und über die Leidensfähigkeit der Pflanzen. Über den Köpfen fütterten die Schwalben ihren Nachwuchs, und auf dem Tisch waren sieben verschiedene Wegeriche aus dem Garten versammelt, deren ähnlich-unähnliche Gestalten sich dem Bildgedächtnis einprägten. Gleichsam im Tausch wollten die Gäste dem Garten ein Zeichen ihrer Anwesenheit hinterlassen: einen Baum. Wir dürfen ihn auswählen und sollen ihn im Herbst pflanzen.

Vielleicht wird es ein Sassafrasbaum, der „Fieberbaum“ aus den Appalachen, ein Wunder an Düften und Farben. Holz und Rinde und Wurzeln duften nach Nelken und Kampfer mit einer Prise Fenchel, das daraus destillierte Öl wird verwendet, um Seife und Tabak mit einem verführerischen Duft zu versehen. Und die in mehreren Rot- und Orangetönen prunkende Herbstfärbung soll zu den schönsten und längsten gehören, die es überhaupt gibt. Daß schließlich die Blätter ganz unterschiedliche ovale und gelappte Formen vorzeigen, ist gerade das Richtige für die Erinnerung an mehrere sehr verschiedene Menschen.

Der Tagungs-Baum wird nicht das erste Denkmal beim Lindenhof sein: Für den väterlichen Freund Friedrich, der vor fünfzig Jahren die ersten Anstöße zur Beschäftigung mit Gewächsen und Tieren und Steinen gab, wurde eine Hydrangea aspera sargentiana gepflanzt, eine Hortensie ohne deutschen Namen. Ihre Blütenteller sind so groß wie Untertassen, die Einzelblüten in der Mitte des Tellers violett, am Rande weiß, und sie schweben über großen, samtig behaarten Blättern. Von allen Hortensien ist diese mir die liebste – und braucht auch die meiste Zuwendung, nämlich üppige Wassergüsse, wenn trockenes Wetter herrscht, und Aufmerksamkeit, wenn späte Fröste drohen.