Von Christian Schmidt-Häuer

Moskau, im August

Durch ihren Putsch von 1917 schufen die Bolschewiki die Sowjetunion. Mit ihrem Putsch vom 19. August haben sie sich selbst und die Sowjetunion wieder ausgelöscht.

Die russischen Kommunisten verschwanden aus der Geschichte, wie sie 1903 eingetreten waren – als Obskuranten und Konspiranten. Ihr System, das sich zu Gorbatschows persönlicher Tragik nicht reformieren ließ, hat sich zum Glück auch unfähig gezeigt, zu seiner verbrecherischen Vergangenheit zurückzukehren. Von den sowjetischen Genossen verraten, von den russischen Demokraten nach 72 Stunden des Schreckens befreit, erklärte der Generalsekretär am Donnerstag vergangener Woche verstört und verständnislos, er werde trotzdem „bis zum Ende“ für die Erneuerung der Partei kämpfen.

Das Ende kam zwei Tage später. Unter dem Druck der Dossiers über den Verrat des ganzen Kabinetts und des Parteisekretariats, der Deportations- und Todeslisten der Putschisten unterzeichnete Gorbatschow seine Dekrete zur Achtung der Partei und der Einziehung ihres Vermögens. Es war die bedingungslose Kapitulation – seine eigene.

Gorbatschow können die Demokraten im Lande nicht länger nachtrauern. Was sie ihm verdanken, wissen sie – und sie werden ihn auch weiterhin brauchen. Doch erst die ganze Aufdeckung seines Versagens seit dem vergangenen Herbst hat möglich gemacht, was seinen rastlosen Versuchen zu weltbewegenden Reformen nicht gelang: die Befreiung der Völker von der Sowjetunion und die Befreiung Rußlands zu dem jahrhundertelang vereitelten Aufbruch aus Byzantinismus und Kollektivismus nach Westen.

Die Putschisten haben den letzten Anstoß gegeben, zu dem Gorbatschow die politische Kraft und die ideologische Unabhängigkeit fehlten. Die Sowjetunion ist nur noch ein Schattenreich. Rußland auf der einen Seite und die übrigen Republiken auf der anderen Seite sind die verarmten, um Jahrzehnte geprellten Erben. In politischer Freiheit, aber unter ökonomischen Zwängen müssen jene unter ihnen, die ein gemeinsames Erbe überhaupt noch annehmen, über dessen Aufteilung entscheiden.