Der Tyrann ist tot. Doch sterben darf er nicht. Denn er muß Wache halten auf dem Großen Platz: als Standbild mit eisernem Schwert, oder bronzener Brust, oder steinernem Fuß. Und warten auf den Jüngsten Tag, der manchmal schneller kommt, als er denkt.

Überall in der sterbensalten Sowjetunion werden nun die Standbilder der Despoten von ihren Sockeln geholt. Dabei gehen die Denkmalsstürzer nicht martialisch vor (mit Dynamit oder Hammer und Pickel), sondern mit staatsbürgerlicher Umsicht – die Tyrannen stürzen nicht einfach plump zu Boden, sie schweben und kreisen bedächtig zur Erde, von mächtigen Seilen und riesigen Kränen gehalten. Daß bei dieser überraschend eleganten Demontage auch technisches Gerät der Firma Krupp (deren demokratische und pazifistische Traditionen über jeden Zweifel erhaben sind) zum Einsatz kommt und triumphiert, ist eine kleine deutsche Sonderfreude am Rande.

Dann jubelt das Volk. Der Tyrann liegt endlich am Boden. Das ist der Sieg, nun sind wir frei! So einfach ist das. Oder etwa nicht?

Natürlich war es ein wundervoller Augenblick, als in Moskau das Denkmal des KGB-Gründers fiel. Und es war ein historisch notwendiger – er verhöhnte und lähmte die Unterdrücker in einem Moment, als die Unterdrückung noch keineswegs besiegt war.

Aber der Gedanke, daß nun die demokratischen Sieger darangehen könnten, in aller Eile und mit gleichsam bürokratischer Gründlichkeit sämtliche Lenin-Standbilder, sämtliche Marx- und Engels-Köpfe oder gar sämtliche Thälmann-Gedenktafeln zu demontieren, ist eher bedrückend.

Denn jeder Denkmalssturz ist eine Exekution in effigie – er kann die Peinlichkeit nicht verbergen, daß man den steinernen Doppelgänger hinrichtet, weil man das Original hat laufen (und wüten) lassen. Das Standbild des Tyrannen zu stürzen, ist auch ein Versuch, sich von der eigenen Mitschuld zu befreien. Ließe man es stehen, könnte es auch ein Mahnmal für die Demokratie sein: uns daran erinnern, daß zu jeder Diktatur immer zwei gehören, der Unterdrücker und sein Untertan.

Vielleicht ist ja die Lust, Standbilder zu errichten, mit der Lust, Standbilder zu stürzen, unheilvoll verquickt. „Diederich Heßling war ein weiches Kind, das am liebsten träumte, sich vor allem fürchtete und viel an den Ohren litt“. So beginnt Heinrich Manns Roman „Der Untertan“. Und natürlich hat Diederich, wie alle weichen und furchtsamen Kinder, diese unstillbare Sehnsucht nach dem Harten und Furchtlosen, nach einer Kruppstahlseele – weshalb er nicht ruht, bis er seiner Stadt zu einem Denkmal Wilhelms des Großen verholfen hat.