Von Eckhard Roelcke

Vor kurzem stand in den Zeitungen eine kuriose Meldung: Die britische Regierung hat 1989/90 mehr Geld für Militärkapellen ausgegeben als für die Kunst. 165 Millionen Mark zahlte das Verteidigungsministerium für die musikalische Begleitung militärischer Festivitäten, mehr als für das British Museum, das National Theatre, die Royal Shakespeare Company, für die National Gallery und die National Portrait Gallery zusammen. Auch wenn diese Zahlen nicht für alle Länder repräsentativ sind: Nicht nur in Großbritannien lechzen Militärs, aber auch Zivilisten nach Marschmusik.

Denn wohl kaum jemand kann sich der Marschmusik entziehen. Für Soldaten bedeuten die Rhythmen, meistens im 4/4-Takt, Drill und Disziplinierung, Gleichschritt und Gleichmacherei. Aber auch Zivilisten, ja Pazifisten zuckt es unwillkürlich in den Beinen, wenn eine gute Kapelle anfängt zu spielen. Ahnlich wie im Tanz stimuliert die Musik die Motorik.

Besonders elegant, weil nicht martialisch, nicht preußisch-schnarrend oder einschüchternd, klingt oft die amerikanische Marschmusik. Da denkt man zunächst an Konfettiparaden, an fesch bedreßte Majoretten und virtuos „dirigierende“ Tambourmajors, an Show und Flitter – und erst dann an General Schwarzkopf, der auf der Golfkrieg-Siegesparade seinen todbringenden Job sentimental zelebriert.

Für die amerikanische Militärmusik gibt es fast so etwas wie ein Synonym: John Philip Sousa. 1854 in Washington geboren, wurde er mit dreizehn Jahren „Lehrling“ in einer Marinekapelle. Später war er Musikmeister des Marinekorps der USA, und 1892 gründete er seine „Sousa-Band“, mit der er sich weltweiten Ruhm erspielte. Sousa hat die Militärmusik mehr und mehr „zivilisiert“, Holzbläser verstärkt eingesetzt und damit den eher aggressiven Klang der Blechbläser zurückgedrängt; seine Kapelle war fast eine „Band“, ideal geeignet für Platzkonzerte. Sousa hatte auch einen Sinn für Showeffekte. So ließ er ein imposantes Instrument bauen, das Sousaphon. Ähnlich wie das Helikon ist es eine geschulterte Tuba, aber enger mensuriert und mit einem phantastisch großen Schalltrichter.

John Philip Sousa hat viele Märsche komponiert, die Zahlen schwanken zwischen 125 und 150. Das Boston Pops Orchestra hat nun, dirigiert von dem Filmkomponisten John Williams, die bekanntesten Sousa-Märsche eingespielt, darunter „El Capitän“, „Semper fidelis“, „Liberty Bell March“ und als Höhepunkt am Schluß „Stars And Stripes Forever“: Hochglanz-Interpretationen ohne Fehl und Tadel. Die Blechbläser haben einen perfekten, nicht zu harten Tonansatz, die Pikkoloflöten spielen ihre kecken Ornamente virtuos pfiffig, die Bässe pochen nicht auf den Marschrhythmen, nicht auf Dominante und Tonika – sondern genießen sie.

Wie wenig diese Musik mit Militär, wieviel aber mit Show und Tanz zu tun hat, kann man im „Washington Post March“ hören. Sousa hatte dieses Stück für die Washington Post komponiert, als die Zeitung sich in wirtschaftlichen Schwierigkeiten befand: Zweieinhalb Minuten nicht stampfende, sondern federnde und beschwingte Musik, die mehr nach einer Polka als nach einem Marsch klingt.