Männersachen (I): Boris und Michael

Am schönsten ist das Lesen in der U-Bahn. Vor allem wenn es die Zeitung unseres Nachbarn ist. Das anspruchsvolle Schrifttum in der eigenen Aktenmappe wird uninteressant, wenn nebenan die tollen Schlagzeilen schreien. Zum Beispiel diese, letzten Donnerstag: „Boris oder Michael. Wer hat mehr drauf?“ Elektrisiert wollten wir weiterlesen, denn tatsächlich erschüttert uns in diesen Tagen keine Frage heftiger. Doch genau in diesem Moment faltete der Nachbar sein Journal zusammen, sprang auf und verließ den Waggon an der nächsten Haltestelle. Allein gelassen, grübelten wir der historischen Frage weiter nach. Und kamen schnell zu einer klaren Antwort. Unser Herz schlägt für Boris, nicht erst seit gestern, das können wir mit zahllosen Dokumenten beweisen. Denn Boris ist der Mann der Offensive, der tollkühnen Züge, des wahren Heldenmuts. Michael hingegen, bei allem Respekt, ist stets der kühle Taktiker, seinen Vorteil schlau berechnend, immer nur so viel wagend, wie es im Augenblick opportun ist. Gewiß, Boris haut manchmal gewaltig daneben, hat geniale Einfälle, aber auch scheußliche Tiefs; doch nach jedem Niederschlag erhebt er sich wieder, stärker als je zuvor. Michael hingegen imponiert uns nur – uns rühren oder gar das Herz brechen kann er nicht. Natürlich brauchen wir auch in Zukunft beide Männer – aber die Frage, wer von ihnen die wahre Nummer eins ist, muß in den nächsten Tagen entschieden werden, und unsere Antwort ist klar: Boris, wer denn sonst! Denn Boris hat einfach mehr drauf. Und weil wir dann doch wissen wollten, ob das die Zeitung unseres U-Bahn-Nachbarn genauso sieht, sind wir gleich nach dem Aussteigen zum nächsten Kiosk gerannt und haben das Blatt (das strenggenommen nicht ganz unser Niveau ist) käuflich erworben. Und waren dann aufs bitterste enttäuscht – denn statt des großen Heldenvergleichs zu den beginnenden US-Open („Boris oder Michael?“) lasen wir nun richtig: „Boris oder Michail. Wer hat mehr drauf?“ Nicht Becker also, sondern bloß Jelzin. Nicht Stich, sondern leider nur Gorbatschow. Alles ganz interessant, gewiß, aber doch nicht das, was den deutschen Mann indieser Schicksalswoche wirklich bewegt. Schnell fliegt die Zeitung in den Papierkorb. So, meine Herren Redakteure, geht man nicht mit dem Leser um! (Nächste Woche an dieser Stelle: Bild oder ZEIT, wer hat mehr drauf?)

Männersachen (II): Otto

Das Zweite Deutsche Fernsehen mutet uns in der letzten Zeit entschieden zu viel zu. Das unbegreifliche Verschwinden des unwiderstehlich schüchternen, jungmädchenhaft lächelnden Nachrichtenmannes Volker Jelaffke. Die plötzliche Pensionierung der gütig-charmanten Wetterdame, unserer lieben Frau Dr. Karla Wege. Und nun geht tatsächlich auch noch Diepholz, Otto, stilbildender Redakteur der ZDF-Nachrichtensendung heute. Geht, wohin wir alle eines nicht so fernen Tages gehen werden: in den Ruhestand. Vorbei, ach vorbei, sein Hüsteln, sein Rascheln! Vorbei auch sein erschöpftes Lächeln, wenn er nach den ernsten Weltnachrichten (Räusper, räusper!) endlich zu den noch ernsteren Wetternachrichten überleiten durfte. Otto Diepholz war so etwas wie der journalistische Oberamtmann des Zeitgeschehens – kein Mächtiger hatte von ihm jemals ein scharfes Wort oder gar einen milden Spott zu befürchten. Diepholz verlas auch die dramatischsten Nachrichten so gleichmütig, als gehe es um den Jahresbericht der Stadtsparkasse. Ach, wieviel Herzflimmern, wie viele Schweißausbrüche hat er uns in dieser seiner sympathischen, männlichzuchtvollen Art erspart: ein kaum zu überschätzender Beitrag zur deutschen Volksgesundheit. Am vergangenen Sonntag nun hat sich Diepholz von uns, seinen Fans, verabschiedet. Otto, bleib bei uns! möchten wir schreien. Denn am Tag zuvor hatte Otto noch einmal mit unvergeßlicher Könnerschaft demonstriert, wie man die Weltgeschichte zu Diepholz macht. Dies war die Nachricht: Gorbatschow tritt als KP-Chef zurück. Dazu Diepholz: „Eine möglicherweise interessante Entwicklung.“ Möglicherweise! Das ist genial. Otto, wir danken dir!