Lüneburg

Die Heide blüht, und mit ihr das kulturelle Leben in jenem sandigen Landstrich zwischen Hamburg, Bremen und Hannover. Es ist die Zeit, in der den Touristen gekrönte Häupter präsentiert werden. Die Heide hält hof. Insgesamt zehn Majestäten mit einer Krone aus Erika machen sich alljährlich den Rang der Heidekönigin streitig. Eine von ihnen war Jenny Elvers.

Vor wenigen Tagen ist ihre einjährige Amtsperiode abgelaufen. Auf einem Heidehügel vor den Toren Lüneburgs gab sie Krone und Zepter (ein Heidestrauß) an ihre gewählte Nachfolgerin weiter. Was den Zuschauern der Zeremonie verborgen blieb: Der Abgang der Neunzehnjährigen war höchst unrühmlich. Es gab weder Blumen noch das traditionelle Abschiedsgeschenk vom Heideverein. Was war geschehen?

Angefangen hatte es für Jenny wie im Märchen. Nach ihrer Wahl im vergangenen Jahr hatte sie eine Einladung ins Land der aufgehenden Sonne erhalten und war dort mit Purpurmantel und Heidestrauß in das sogenannte „Glücks-Königreich“ eingezogen, eine Art Disneyland, gestaltet nach dem Deutschlandbild der Gebrüder Grimm. Zwischen Neuschwanstein-Pracht und Fachwerkromantik lächelte sich Jenny derart tief in die Herzen der Töchter und vor allem Söhne Nippons, daß ihr sogleich mehrere Werbeverträge angeboten wurden. Eine Kosmetikfirma setzte die Heideschönheit als Photomodell ein, und ein Spielzeugfabrikant brachte eine Barbiepuppe nach dem Ebenbild Jennys auf den Markt – mit blondem Haar und blauen Kulleraugen.

Und als sie nach ihrem sechswöchigen Japan-Aufenthalt zurückkehrte, trat sie auch in deutschen Landen nicht mehr nur als Heidekönigin in Erscheinung, sondern ebenso als Photomodell. Man erinnerte sich in Amelinghausen nicht, in der vierzigjährigen Geschichte der „Erika-Dynastie“ jemals so eine erfolgreiche Majestät auf den Thron gehievt zu haben. Alle liebten Jenny.

Doch eines Tages schlug die Stimmung um. Stein des Anstoßes war ein Interview, das Jenny Elvers einem Lüneburger Stadtmagazin gegeben hatte. „Da wackelt die Heide:“, lautete die Schlagzeile, „Eine Königin liebt Politik und Strapse“. Und wirklich, die blonde Heideschönheit zeigte sich plötzlich von einer ganz anderen Seite. Daß es ihr gefällt, sich spärlich bekleidet in der Disko zu zeigen, daß sie weniger auf Hermann Löns steht als auf Punk-Rock und daß ihr der Heideverein mit seinen rigiden Verhaltensvorschriften ganz schön auf die Nerven geht. Nein, nur ein braves Mädchen, das weder raucht noch trinkt, sich schicklich kleidet und tunlichst darauf bedacht ist, eine Schwangerschaft zu vermeiden – das wollte sie nicht sein, zumindest nicht außerhalb ihrer Repräsentationsverpflichtungen. Gewaltig gegen den Strich, so war zu lesen, ging Jenny auch, daß ihr der Vorsitzende des Heidevereins bei Interviews ständig ins Wort fiel.

In diesem Fall hatte er erst nachträglich Gelegenheit, die Dinge zurechtzurücken. Unmittelbar nach Erscheinen des Textes rief der Amelinghausener Heideverein daher eine Krisensitzung ein, lud Jenny vor und präsentierte ihr den Artikel – Satz für Satz. „Ich kam mir vor wie vor Gericht“, erinnert sie sich. „Alle haben auf mich eingeredet und mich zu einer Gegendarstellung gedrängt.“ Im Raum stand die vorzeitige Abberufung. Eingeschüchtert bekundete die Vorgeladene darum, daß ihr manches Wort in den Mund gelegt worden sei und sie sich wohl zu blauäugig verhalten habe. „Jenny Elvers verspricht: Ich kenne meine Pflichten als Heidekönigin“, stand tags darauf in der örtlichen Zeitung.