Stünde es besser um die Vereinigten Staaten, wenn mehr Frauen in die Politik gingen? Gäbe es dann, zum Beispiel, weniger Gewalt in der Gesellschaft?" Die Gouverneurin von Texas zögert keine Sekunde "O ja", kommt die Antwort, ohne den leisesten Zweifel und mit einer Stimme, die manche als whiskeyrauh beschreiben: "Frauen bringen die Leute zusammen "

Ihr Händedruck ist fest. Sie schaut dem Besucher prüfend ins Gesicht. Die Augen blitzen. Das Make up ist heftig. Darunter liegen Fältchen und Rinnen, als ob sie viel an der Sonne gewesen wäre. Das schlohweiße Haar leuchtet, aufgetürmt zu einer hohen Haube. Um den Hals liegt eine zweireihige Perlenkette. Zum schwarzen Rock trägt sie eine blaue Kostümjacke. Kein modischer Aufzug, eher ein Dienstgewand.

Es ist "Verkündungstag". In einem holzgetäfelten Raum, unter der Kuppel des Kapitols in Austin, hält die Gouverneurin von Texas Audienz. Schulkinder, Trachtengruppen, Pfadfinder, Feuerwehrleute, Bürger jeden Alters treten auf, lassen sich auszeichnen, werden bestätigt, werden photographiert. Gruppenbild mit Dame. In der Mitte Ann Richards. Die Kleinsten drücken das Gesicht an ihren Rock, weil sie den Traum von einer Großmutter vor sich haben. Manche sehen in der Selbstdarstellung der Gouverneurin, in Mode und Frisur, ein Bild aus den fünfziger Jahren. Da ist etwas dran, vielleicht weil Ann Richards so down to achtung läßt freilich außer acht, daß dies nicht New York oder Los Angeles, sondern eben Texas ist.

Ihr Umgang mit Menschen ist sichtlich Erfahrung und Routine. Sie nimmt den Leuten die Scheu, weil sie den Eindruck vermittelt, daß sie das Leben von allen Seiten kennt. Sie hat vier Kinder großgezogen. Sie hat ein Alkoholproblem überwunden. Sie hat sich nach dreißigjähriger Ehe scheiden lassen. Die Politik war ihr Schicksal. Ist der neue Job jetzt das, was sie ausfüllt? Wieder ohne nachzudenken: "Es ist der beste, der schönste Job, den es gibt!"

Damit ist zunächst auch die Frage beantwortet, ob sie noch höhere Ämter anstrebe. Kein Gedanke. Texas ist ihr Lebenselixier; sie denkt und spricht texanisch. Freilich weiß sie, daß etliche in der Demokratischen Partei ein hoffnungsvolles Auge auf sie werfen. In einer Landschaft voll blutleerer Parteistrategen und vorsichtiger Parlamentarier, die mit abgezirkelten Statements die Opportunität abtasten, ist Ann Richards ein Naturereignis. Ihr Witz ist ihre stärkste Waffe. Schlagfertig verwirrt sie ihre Gegner. Zu Weihnächten wollten sich Freidenker bei ihr beschweren, daß auf dem Kapitol eine Krippe mit den Heiligen Drei Königen aufgebaut sei. Das verletze doch den Grundsatz der Trennung von Kirche und Staat. Darauf Ann Richards im besten Telich sind die drei die weisesten Männer, die jemals das Kapitol betraten. Warum lassen wirs nicht dabei?"

Clayton Williams, republikanischer Kandidat bei den vorjährigen Gouverneurswahlen, hatte den Sieg schon fast in der Tasche, da ging sein Macho Maul mit ihm durch. Eine Vergewaltigung sei wie schlechtes Wetter, gab er zum besten: "Wenn es denn unvermeidlich ist, lehn dich zurück und genieße Scharenweise liefen die Texaner, voran die Frauen, dem Ölmilliardär in Cowboystiefeln davon und wählten das Gegenteil: den Kandidaten der Demokraten; und nicht nur dies — unglaublicher noch: Sie wählten eine Frau. Ann Richards.

Bundesweit bekannt geworden war Ann Richards längst vor der Gouverneurswahl; sogar berühmt oder berüchtigt, je nach politischem Standpunkt, was ihren Wahlsieg um so erstaunlicher erscheinen ließ. Auf dem Parteikonvent der Demokraten 1988, als Michael Dukakis zum Präsidentschaftskandidaten gekürt wurde, durfte Ann Richards die Keynote Mobilisierung des Fußvolks der Partei setzen. Und sie besorgte das als liberale Demokratin gründlich, engagiert für die Probleme der Armen, der Schwachen und der Farbigen. George Bush aber, den Vizepräsidenten und Präsidentschaftskandidaten der Republikaner, nahm sie auf die Hörner "Poor George", rief sie in gespielter Teilnahme, "mit einem Silberfuß im Mund ist er auf die Welt gekommen!"