ARD, DienstagabendDallas – ein Nachruf

Jetzt, da zum letzten Mal Jerrold Immels Themamusik aufgeklungen ist – was sollen wir in Deutschland nun wieder mit unserem Dienstagabend machen? Ein ganzes Jahrzehnt lang, seit Juni 1981, konnten wir uns einmal pro Woche bei den Ewings in Dallas einladen. Dieser Termin gab unserem Leben den Rhythmus und wiegte unsere Herzen in Sicherheit. Wenn wir das eine oder andere Mal in den zehn Jahren verhindert gewesen sein sollten – hin und wieder hat man selbst ja auch Ehekräche und Würgereien im Beruf durchzustehen –, war es kein Beinbruch. Ob wir nun zuschauten oder nicht: Wir konnten beruhigt annehmen, daß die Ewings weiterstritten, mit fest verteilten Rollen, wie in jeder anderen anständigen Familie oder Firma auch.

Am Anfang, in den frühen Achtzigern, konnte Dallas wirklich aus dem vollen schöpfen. Vierzehn Millionen Zuschauer oder 42 Prozent aller Fernsehteilnehmer hierzulande (noch unvereinigt) sahen zu, wie J.R. Ewing sein Ehegespons Sue Ellen ausbremste, wie Sue Ellen dafür mit dem Todfeind Cliff Barnes anbandelte, wie Ölbaron Jock Miss Ellie auf Händen trug, wie Pamela mandeläugig ihren Bobby anschmachtete, weil der immer so nett frisiert und hochanständig war im Geschäft. Das waren Zahlen, von denen man in der sinnleeren Epoche vor Boris Becker nur träumen konnte.

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Und träumen durfte man in Dallas, ausdrücklich. Vor allem die deutsche Frau schöpfte das Traumangebot aus Texas via Hollywood hingebungsvoll aus. Dallas Frisuren und Dallas-Mode waren der Renner der Saison, und nicht nur einer (was Frau Schölermann oder Mamma Hesselbach nie so recht hatte gelingen wollen). Der deutsche Mensch schien süchtig zu sein auf das texanische Monopoly um Geld und Liebe.

Woran das lag? Zunächst: Dallas war – trotz früher Versuche in den Fünfzigern und Sechzigern – in Deutschland der Prototyp der Seifenoper: In dichter (wöchentlicher) Folge konnte man über einen langen Zeitraum hinweg das Alltagsleben einer anderen Familie, neben dem der eigenen, parallel verfolgen, und zwar in geschönter und gesteigerter Form: die Familie nicht als beschaulicher Gegenentwurf zur bösen Welt da draußen, sondern zugleich als intimster Geschäftsverbund – Privatheit und Öffentlichkeit auf engstem Raum kurzgeschlossen (durch den etwas derben Kunstgriff, die drei Generationen der Ewings auf die vergleichsweise enge Southfork Ranch zusammenzupacken). Woche für Woche, über Monate hinweg, über Jahre – schließlich ein ganzes Jahrzehnt: sie und wir. Und wer zuletzt miterleben mußte, wie J.R. Ewing, genauso feist geworden wie sein Darsteller Larry Hagman, schweißüberströmt auf einem Heimtrainer seine Pfunde grammweise abstrampelt, unter dem Handtuch eine Packung Schokoladenplätzchen versteckt – den mochte eine Ahnung von der Kürze und von der Traurigkeit unseres Lebens hinieden streifen.

Der zweite Grund des Erfolgs von Dallas, zumal in Deutschland (West): Die Lebens- und Arbeitsbedingungen im Kapitalismus wurden in dieser Seifenoper im Klartext gegeben. Der erfolgreiche Geschäftsmann ward schonungslos als „Bösewicht“ gezeigt. Der ehrliche, solide, menschlich anständige Kapitalist, den der jüngere Ewing, Bobby, so sympathisch blaß verkörperte, wurde von dem schurkischen, rücksichtslosen, über Leichen gehenden älteren Bruder J.R. dorthin gestellt, wo er im „richtigen Leben“ auch plaziert zu sein pflegt: in den Schatten. Aus diesem Grunde konnte Larry Hagman 1981 von einer amerikanischen Frauenzeitschrift zum „charmantesten Mann des Jahres“ gekürt werden. Und auch der deutsche Zuschauer muß diese Seifenoper-Version des Kapitalisten als eine ungeheure seelische Befreiung erfahren haben.

Erinnern wir uns? 1981 waren die letzten Tage der sozial-liberalen Regierung unter Helmut Schmidt angebrochen, als bei uns nichts mehr vorangehen wollte, weil sich die anstrengende Version von „Sozialpartnerschaft“ wie Mehltau auf alle öffentlichen Seelenregungen abgelagert hatte. Deshalb wohl auch der schon blind zu nennende Haß, den Dallas sich damals von den intellektuellen Nach-Denkern der Nation zuzog. Je schwindelerregender der Anspruch an die eigene Größe, desto schroffer der Verriß von Dallas, desto unerbittlicher die Publikumsbeschimpfung, garniert mit allerlei Adornoschem Weh-Geklag. Doch es gab auch unbeugsame Fans der ersten Stunde, die hemmungslos ihrer Lust am gut servierten Trivialen frönten, meist Leute vom Fach: Jürgen Roland, Rainer Werner Faßbinder, Ingmar Bergman. Und ein Dallas-Verfallener versuchte sich gar als Orakel, 1984 bereits: „‚Dallas‘ ist das Gesellschaftsspiel unserer Zivilisation in diesen Jahren. Als Spiel scheint es unabsehbar und endlos wie das Leben auf diesem Stern. Unsere Ahnen werden dereinst in den verheerten Filmstudios von Hollywood nach seinen Kopien graben wie wir nach Tonscherben versunkener minoischer Paläste. ‚So waren sie. So haben sie gelebt. So bewegten ihre Frauen die Ärsche. Das waren ihre Träume. Die gute alte Zeit. Schade eigentlich, daß wir heute leben...“

Jetzt ist es soweit. Dallas gehört der Geschichte an. Es war ein fesselndes Stück Zeitgeschehen, unsere Gegenwart in sattsam bekannten, vorgestanzten Bildern und Figuren, wohl frisiert und proper und glattpoliert wie das Fernsehen selbst. Mit dem Prototypen Dallas wurde hierzulande eine Lawine von Seifenopern losgetreten im Fernsehen. Es ist dadurch ein anderes geworden. Dallas kann gehen.

Doch Trost euch, werte Trauergemeinde! Vom Herbst 1991 an wird die Serie vom Moskauer Fernsehen gesendet werden. Damit ist die ganze Welt aufs schönste eins geworden. Michael Zeller

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