Der Eid ist für den heutigen Menschen etwas Befremdliches. Wir kennen ihn in unserem öffentlichen Leben in zwei Funktionen: als verbindliches und unverbrüchliches Versprechen, etwas zu tun oder zu lassen, und als Versicherung der Wahrheit einer Aussage – beide Male unter feierlicher und formalisierter Berufung auf eine höhere, zu fürchtende Macht. Diese soll über der Einhaltung des Versprechens wachen und den Meineid bestrafen, auch dann, wenn Menschen den Betrug nicht erkennen. Ob die Vereidigten heute an eine solche Macht glauben, kann man nicht wissen; man muß eher voraussetzen, das sie es nicht tun. Dann aber ist der Eid ein leerer Akt und gefährlich, sofern man sich auf ihn verläßt. In der säkularisierten Welt können Eidbruch und Meineid nur unter die Androhung einer besonders harten menschlichen Strafe gestellt werden.

Was ich hier als „Sokratischen Eid“ vorlege, ist etwas anderes: eine öffentliche Selbstverpflichtung. Den unzeitgemäßen Namen gebe ich ihr, weil sie als etwas angesehen werden soll und kann, was für die Pädagogen eine ähnliche Rolle spielt wie der Hippokratische Eid für die Mediziner. Dieser tut seine Wirkung heute, nicht weil (ein) Gott angerufen wird und nicht weil seine Verletzung Strafe nach sich zieht: Die Strafe folgt auf eine Verletzung von Gesetzen. Was in beiden Fällen – der Verletzung des Sokratischen wie des Hippokratischen Eides – droht, ist einfach Schande. Wer den von ihm freiwillig geleisteten Eid bricht, muß sich vor sich selbst, vor seiner „Zunft“, vor der Öffentlichkeit schämen – oder ausdrücklich rechtfertigen. Er hat ein von diesen drei „Instanzen“ geprüftes, für richtig gehaltenes, bestätigtes Prinzip gebrochen.

Dies gilt natürlich unausdrücklich für alle allgemeinen Handlungsgrundsätze. Dennoch vergehen sich die Menschen dauernd gegen sie. Sie vermeiden nicht zuletzt deshalb auch öffentliche – feierliche und verbindliche – Beteuerungen dazu. Der eigentliche Wert eines solchen Berufseides – der öffentlichen Selbstverpflichtung – liegt in dem Schutz, den sie der eigenen Uberzeugung gewährt. Ich will dies nicht nur tun – ich muß es hinfort auch. Wenn andere – ein Verband, eine Schulbehörde, ein Gesetzgeber – etwas verlangen, was den im Eid festgelegten Grundsätzen widerspricht, kann sich der Pädagoge auf den Eid berufen. Das wird ihm nicht in jedem Fall gegen die anderen oder die Verhältnisse zum Recht verhelfen, aber es stärkt seine Position und wird die anderen vorsichtiger handeln lassen.

Hätten wir einen Sokratischen Eid unter den Nazis, in der DDR, im Alltag der nach unpädagogischen Gesichtspunkten vorgenommenen Reformen und Gegenreformen der Schule gehabt, er hätte manche tapfere Lehrerin, manchen tapferen Lehrer geschützt.

Es ist nie zu spät für das Richtige. Machen wir einen Versuch mit diesem Mittel jetzt in einer Zeit, in der es kaum angefochten werden wird und in der wir es in unserem Handeln und Denken einüben können.

Ich stelle mir vor, daß Lehrer und Erzieher bei der Übergabe ihrer Einstellungsurkunde diesen Eid sprechen und daß dies in der Urkunde bestätigt wird.

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