Bericht vom 48. Filmfestival in Venedig: Filme von Jean-Luc Godard, Peter Greenaway, Manoel de Oliveira, Werner Herzog, Zhang Yimou und Nikita MichalkowDie Meister des Abgesangs

von Andreas Kilb

Von Andreas Kilb

Stalin kommt. In einem viermotorigen Propellerflugzeug schwebt er herab aus dem Himmel über Berlin, und die Völker jubeln ihm zu. Amerikanische, englische, französische und sowjetische Fahnen flattern über den Köpfen der Menge; dazwischen, gewaltig, Stalins Portrait. Der große Kampf, die Mutter aller Schlachten, ist vorbei; der Vater des Vaterlands besucht die eroberte feindliche Hauptstadt, über deren Parlamentsgebäude die rote Fahne hängt, getränkt mit dem Blut tapferer sowjetischer Soldaten. Und die Musik spielt.

Als Stalin am Flughafen die Rolltreppe heruntersteigt, treten Natascha und Alexej, die Liebenden, die der Krieg getrennt und wieder vereint hat, vor ihn hin. „Darf ich dich umarmen, Genosse Stalin?“ fragt Natascha, und Stalin gewährt es. Er segnet das Paar, die Fahnen und die Stadt. Dann sagt er zu Alexej und Natascha, zu den anderen und zu uns allen: „Ich wünsche den Völkern Glück und Frieden für die Zukunft!“ So endet der Film.

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Alles, was wir sehen, ist Kino: der Diktator, die Liebenden, das Volk. Es sind Gesichter und Szenen eines Films, der 1949 im Auftrag Stalins gedreht wurde: „Padenie Berlina“ („Der Fall Berlins“) von Michail Tschiaureli, ein Monumentalwerk von fast drei Stunden Länge, eine Fahrt durch die wirkliche Hölle und den künstlichen Himmel der Propaganda, eine Panzer- und Parolenschlacht von erschütternder Penetranz. Wenn Leni Riefenstahl und Cecil DeMille ihre Fähigkeiten für einen Film vereint hätten, dann hätte er aussehen müssen wie „Padenie Berlina“: die Weltgeschichte als Lunapark.

Alles ist Kino, alles ist erfunden: Hitlers Bärtchen besteht aus Schuhcreme, Görings Wanst ist aus Kissen genäht; die Häuserkämpfe wurden in den zerstörten Städten des Baltikums nachgestellt, die Völkerversöhnung fand im Studio statt. Und Michail Gjelowani, der Darsteller Stalins, endete nach einer großen Filmkarriere im Wahnsinn, weil er nur noch wie Stalin reden, lächeln, gehen und denken konnte – ein Narr seines Herrn, ein trauriger Kagemusha der Kinematographie.

Aber einst war das Kino eine Waffe, und „Padenie Berlina“ stand für eine ganze Armee. Als der Film 1950 herauskam, wurde er in Westeuropa verboten; Kommunisten aller Länder fuhren nach Moskau, um ihn zu sehen. Dann ließ Chruschtschow Tschiaurelis Epos in den Archiven verschwinden, und „Padenie Berlina“ wurde zur Legende. Fünfunddreißig Jahre lang konnte man den Film nur in Sondervorführungen anschauen. Jetzt, im September 1991, wurde er auf einmal öffentlich gezeigt – in der „Settimana della critica“ auf den 48. Filmfestspielen in Venedig. Das Hauptereignis: ein Blick zurück.

Der Kinosaal aber, in dem „Padenie Berlina“ am Nachmittag lief, war beinahe leer. Und gelacht hat auch niemand. Es war eine Gespensterstunde, schrecklich und dumpf. Sind wir noch nicht soweit? Wir werden nie soweit sein. Das befreite Gelächter nach der Katastrophe, von dem manche Aufklärer träumten, ist eine Illusion. Tschiaurelis Stalin ist, genauso wie Christoph Schlingensiefs Hitler, absurd und lächerlich; lustig ist er nicht. Zwei Klischees bringen uns zum Lachen, hundert Klischees rühren uns, hat Umberto Eco einmal geschrieben. Aber tausend Klischees machen uns stumm. Das war in Venedig die Lektion von Berlin.

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