Von Ulrich Holbein

Wer nicht mitmacht, mit dem stimmt etwas nicht. Nach diesem Schema funktioniert nach wie vor vieles. Wer die Mutproben der Pubertät nicht mitmacht, wer heute als Hauptschüler immer noch ohne Totschläger und Stichwaffe rumläuft, bei dem kann es sich nur um ein dickbebrilltes Mustersöhnchen handeln; und wer in Golfkriegen usw. nicht mitbomben mag, der kann nur ein häßlicher Deutscher sein.

Genauso der Voyeur: Statt Muskeln zu zeigen, Farbe zu bekennen und seinen Mann zu stehen, statt sich verantwortlich einzubringen, will er bloß an der Glotze hängen und weitab vom Gefahrenherd zugucken, wie sich die anderen diverse Finger verbrennen. Das Leben, das für Mann und Frau ein Kampf ist, ist für Voyeur und Voyeuse nur ein Film, und zwar entweder ein Film über den Kampf der Geschlechter oder ein Film über den Kampf der Elite-Piloten, für die es nichts Verächtlicheres gibt als Fahnenflucht.

Wer kopuliert, betreibt Eigentliches; wer voyiert, drückt sich – auf diese Kurzformel stützt sich die gesellschaftliche Diskriminierung des Voyeurs. Angeblich verbringt er sein Leben mit gequälter Visage am Schlüsselloch des Gästezimmers, in Umkleidekabinen und Bedürfnisanstalten, bestenfalls auf den Dünen von Sylt. Ein Akteur kann sich den Voyeur nur als verhinderten Akteur vorstellen, und je nach Temperament verulkt er ihn als Pupillenverrenker, beschimpft ihn als Fickspion und Vorhangwichser oder bedauert ihn als Subjekt, das es nötig hat.

Daß unter Umständen die kümmerlichen Wonnen des Voyeurs nicht kleiner zu bleiben brauchen als die anerkannten Lustgefühle des Akteurs, das hält kein Akteur für möglich. Aufgeklärterweise finden sich heute zwar Tendenzen, die den Voyeur tolerieren oder ihm sogar verständnisvoll bis solidarisch entgegentreten, doch nirgendwo Weltbilder, die ihm theoretisch eine Rehabilitation, oder gar Ehrenrettung, angedeihen lassen möchten. Das muß ab sofort anders werden. Sehr umzudenken wäre die Sichtweise der Psychoanalyse, von der sich der Voyeur bis dato nicht hat erholen können. Sigmund Freud, der Hauptschuldige, läßt in seiner Abhandlung über die sexuellen Abirrungen (1905) nur solche Formen des Voyeurismus als normal gelten, die sich des Schauens nur als reizsteigerndes Mittel bedienen, wobei dem Vorfilm alsdann die Tat zu folgen habe, die Erreichung des „normalen Sexualziels“.

Wo aber ein Voyeur freiwillig auf seinem Posten bleibt, wo die Schaulust zum Selbstzweck wird und der eigene Koitus unnötig, da soll laut Freud der Voyeur einer Perversion frönen, und zwar genauso wie die zwei anderen verdächtigen Spielarten, a) jene Schaulust, die nur die Genitalien sehen will und sonst nichts; und b) jene Schaulust, die sich „mit der Überwindung des Ekels verbindet“, das heißt die bevorzugt auf dem Klo auf ihre Kosten kommt und schon im Paris des 18. Jahrhunderts zur Beliebtheit gläsernen Nachtgeschirrs führte. Vom maskulinen Aktivismus her gesehen, dem Freud angehört, sieht der Voyeur jederzeit wie die Kreuzung zwischen Katze und Lamm aus, die stundenlang auf der Lauer liegt, um keine Mordgelegenheit auszunutzen.

Fühllos stellte Freud Akteur und Voyeur als gesund und gestört einander gegenüber. Und kein Freudianer und kein späterer Reformpsychologe widersprachen dieser Absurdität, daß der gelangweilte, kurzsichtig drauflos ackernde Routinier gesund sein soll und der impressionabel ausflippende Augenmensch therapiebedürftig. Alle Analytiker schlugen diesbezüglich in dieselbe Kerbe. Nur weil sich zwischen den Voyeuren hin und wieder ein paar unreife Typen einschleichen, soll gleich die ganze Spezies an psychosexuellem Infantilismus leiden, jeder Voyeur an Erektionsangst, Mysogynie, Horror sexualis partialis – und jede Voyeuse an Androphilie, Misandrie, gegebenenfalls an einer Deflorationsphobie. In summa: Ohne Berührungsangst kein Voyeurismus!