Von Hanno Kühnert

Nein, es ist keine Privatfehde zwischen alten Männern, sondern eine ungemein wichtige Auseinandersetzung über die grausige NS-Militärjustiz zwischen dem ehemaligen Militärrichter und Marburger Ordinarius Erich Schwinge und dem Manager im Ruhestand, historischen Außenseiter und Ermittler bisher verborgenen Justizunrechts Fritz Wüllner. Der, einst auf der Spurensuche nach seinem in einem Strafbataillon von Hitlers Schergen ermordeten („auf der Flucht erschossenen“) oppositionellen Bruder, geriet an Schwinges und Otto Schwelings Darstellung über „Die deutsche Militärjustiz in der Zeit des Nationalsozialismus“, ein deprimierendes Thema, das dort gleichwohl verfälschend und beschwichtigend abgehandelt wurde. Das Standardwerk „Die Wehrmachtjustiz im Dienste des Nationalsozialismus“ von 1987 war die Folge, eine Koproduktion von Manfred Messerschmidt und Fritz Wüllner. Vieles blieb darin unausgeführt, fiel der notwendigen Kürze zum Opfer. Vieles war auch noch ungeklärt. Die Zahl von 50 000 Todesurteilen, gefällt durch die Militärjustiz über Soldaten und Zivilisten, blieb – für Wüllner – nicht detailliert genug belegt. Schwinge hielt an seiner Mutmaßung von 10 000 bis 12 000 Todesurteilen trotz der neuen Zahlen starr fest. Außerdem meldete er sich mit einer Schrift „Verfälschung und Wahrheit“ (1988) noch einmal zu Wort. Nun antwortet wiederum Wüllner mit einer umfangreichen, bissig geschriebenen Studie.

Unglaubliche Energie, Findigkeit, Interesse für das Detail und Forscherdrang verbinden sich bei dem ehemaligen Wirtschaftsmann Wüllner mit sprachlicher Gewandtheit, Unbefangenheit und Furchtlosigkeit vor den Irritationen der Historikerzunft: Der Außenseiterstatus erscheint hier als geeignet, jahrzehntelange Versäumnisse nachzuholen. So wurde das mit vielen Faksimiles, tausend Zitaten und zwei Personenregistern versehene Buch zu einem furchterregenden Steinbruch deutscher Militärgeschichte.

Wüllner stellt Schwinge-Urteile, also Entscheidungen des ehemaligen Militärrichters, seinen heutigen Bekundungen gegenüber. Dabei scheut er vor anklagenden Worten wie „Tatsachenverdrehung“ und „Geschichtsfälschung“ nicht zurück. Er belegt aber seine harten Urteile eingehend durch Dokumente und Zahlen. Im zweiten Kapitel befaßt er sich mit dem Geschäftsbetrieb der Militärjustiz, dann mit deren Akten, um schließlich die Todesurteile neu und eingehend zu bilanzieren und die „Vollstreckungsquote“ auszurechnen: Sie beträgt etwa zwei Drittel der Todesurteile.

Weiter untersucht Wüllner die Kriminalstatistiken der Wehrmacht, die ungleiche Behandlung von Offizieren und Mannschaften, die Anklagepunkte „Fahnenflucht“ und „Wehrkraftzersetzung“, um sich dann dem Abschreckungswillen der „blinden, besessenen, nationalsozialistischen Militärrichter“ zuzuwenden. Wüllner schließt sein Buch mit einer Untersuchung des Strafvollzugs und der verschiedenen Strafarten: Sonderbataillon, Straflager, Gefängnis, Konzentrationslager und Bewährungstruppe. Außerdem hat sich Wüllner in einem ausgedehnten Nachwort vehement gegen Anwürfe von Schwinge und Kritik der Rezensenten seines ersten Buches verteidigt – auch dies lesenswert.

Aus dem grauenhaften Wust dieser unmenschlichen, hitlerhörigen, mörderischen „Justiz“, die in der Etappe zum Krieg trieb und dabei Recht und Gesetze, ja sogar die eigenen Vorgaben mit Füßen trat, wollen. wir nur Wüllners neuntes Kapitel über die Abschreckung und ihre tödliche Theorie etwas näher beleuchten. Wüllner legt Erkenntnisse der Wissenschaft dar, nach denen die Todesstrafe keineswegs abschreckend wirkt. Um so absurder erscheinen der Terror und der Fanatismus, „die äußerste Härte“, die die Militärrichter glaubten an den Tag legen zu müssen.

Bis heute ist weitgehend unbekannt, daß Soldaten nicht nur erschossen, sondern auch enthauptet und erhängt wurden. Dabei handelt es sich nicht um wenige Einzelfälle: Das Reichskriegsgericht ließ regelmäßig durch den Henker hinrichten. Allein in Berlin wurden um die 1500 Soldaten enthauptet, insgesamt sind es viele tausend. Wüllner belegt es.