Von Thorsten Schmitz

Hoyerswerda, im September

Familie D. aus Bukarest fürchtet sich vor den Deutschen. Die Mutter hat ihren fünf Töchtern verboten, auf die Straße zu gehen. Seit über einer Woche müssen die Mädchen in der Dreißig-Quadratmeter-Wohnung bleiben. Auch Frau D. verläßt nur dann die enge Unterkunft, wenn es unbedingt sein muß. Vor dem Einkaufen im nahegelegenen Stadtzentrum von Hoyerswerda schließt sich ihr Mann mit anderen Bewohnern des Asylbewerberheimes in der Thomas-Müntzer-Straße zusammen. Weil sich viele der siebzig Jugoslawen, Mosambikaner und Türken überhaupt nicht mehr vor die Tür wagen, ist der Einkaufs- – Zettel ziemlich lang. Die Telephonnummer der Polizei hält Frau; D. stets in ihrer Rocktasche bereit. Wenn die Männer länger ausbleiben als abgesprochen, soll sie um Hilfe rufen.

Es zieht in der Bleibe der rumänischen Familie; die Fensterscheiben wurden zertrümmert, die Löcher nur notdürftig mit Pappe und Holzbrettern abgedichtet. Die dreijährige Tochter leidet seit einer Woche an psychosomatischen Herzschmerzen, wie ein Arzt aus Hoyerswerda diagnostiziert hat. Die seit Dienstag voriger Woche immer wieder auflodernden Straßenschlachten rauben den Kindern den Schlaf. Sie sehen blaß aus, haben dunkle Augenringe und wirken verstört. Die 39 Jahre alte Mutter klagt: „Meine Kinder liegen nachts mit offenen Augen im Bett und weinen.“ Sie verstehen nicht, was in ihrer Straße passiert. Und auch ihre Eltern fragen sich voller Angst: „Was haben wir nur getan? Warum wollen uns die Faschisten umbringen? Kommen heute nacht wieder Neo-Nazis?“

In Windeseile hatte sich am Wochenende im Wohnheim das Gerücht verbreitet, Skinheads aus Leipzig und Dresden seien auf dem Weg nach Hoyerswerda. Das Gerücht wurde zur traurigen Wahrheit. Bis in die frühen Morgenstunden hinein lieferten sich etwa 150 Rechtsradikale eine Schlacht mit den Polizeibeamten. Molotowcocktails zerplatzten an der Fassade der Notunterkunft, angetrunkene, vermummte Jugendliche schmissen Pflastersteine und Stahlkugeln. Schlachtrufe und Morddrohungen hallten durch die Thomas-Müntzer-Straße: „Ihr Niggerschweine, verpißt Euch!...Wir bringen Euch alle um!“

In ohnmächtiger Angst flohen die Asylbewerber auf das Dach des Wohnheims. Gut 150 Bürger von Hoyerswerda zeigten ganz unverhohlen ihre Sympathie für die Gewalttäter. Sie klatschten jedesmal, wenn eine Scheibe zerbarst oder eine Leuchtrakete das Haus traf. Die Stimmung, sagt Polizeisprecher Wolfgang Kießling am nächsten Tag, hätte zeitweise „Volksfestcharakter“ gehabt.

Die bedrängten Asylbewerber baten die Polizei, nach Berlin verlegt zu werden, aber das Landratsamt sperrte sich zunächst gegen diesen Wunsch. Auch die 150 Gastarbeiter aus Mosambik und Vietnam, die seit mehreren Jahren in einem Wohnblock in der Albert-Schweitzer-Straße leben, wollen so schnell wie möglich weg aus Hoyerswerda. Viele von ihnen sollten ohnehin in den nächsten Wochen in ihre Heimatländer zurückfliegen; ihre Arbeitsverträge bei der Lausitzer Braunkohle AG laufen am 3. Oktober aus. Nach den Krawallen wurden nun bereits am vorigen Samstag etwa sechzig mosambikanische Arbeiter in Bussen nach Frankfurt am Main gefahren. Von dort sollten die „Flüchtlinge“ dann in ihr Herkunftsland „verbracht“ werden, wie es hieß.

Die Aktion sollte eigentlich geheimgehalten werden, erklärt ein Busfahrer. Aber die überstürzte Flucht vor dem Mob hatte sich offenbar herumgesprochen. Die Bürger von Hoyerswerda verfolgen die Abschiedsszenen. Als die Busse abfahren, schreit ein vielleicht 25 Jahre alter Mann ihnen hinterher: „Wir bringen Euch alle um, ihr dreckigen Negerschweine!“

Nach dem Willen des sächsischen Innenministers Rudolf Krause (CDU) sollten die Asylbewerber in Hoyerswerda bleiben. Am vergangenen Wochenende ordnete er an, alle Asylunterkünfte in Sachsen einzuzäunen, „wo immer das möglich ist“. Ins Ghetto will er die Ausländer damit nicht sperren. Ihren Schutz kann er aber auch nicht garantieren: „Absolute Sicherheit für die Ausländer gibt es nicht. Die verlassen ja auch das Heim, und dann können wir sie nicht schützen.“

Bei den Krawallen in Sachsen sind bislang 13 Ausländer und Passanten verletzt und 24 „Randalierer“ vorläufig festgenommen worden. Das sei „Durchschnitt“, meint ein Polizeibeamter. Im Krankenhaus von Hoyerswerda wollen weder die Nachtschwester noch der diensthabende Arzt Auskünfte erteilen über die Art der Verletzungen. Hinter der Hand räumt eine Krankenschwester aber ein: „Inzwischen ist das doch hier normal, daß jede Nacht Verletzte eingeliefert werden.“

Hoyerswerda liegt dreißig Kilometer südlich von Cottbus. 1956 hatte die Stadt nur 7000 Einwohner, heute sind es knapp zehnmal so viele. Die meisten Bürger sind im Braunkohle-Veredelungswerk „Schwarze Pumpe“ oder als Kumpel bei der Lausitzer Braunkohle AG beschäftigt; nicht immer freiwillig, denn auch Schwerverbrecher und Kritiker des SED-Regimes wurden zum Außendienst nach Hoyerswerda abgeschoben. Weil Anfang der sechziger Jahre immer mehr Menschen aus allen Teilen des Landes hierher zogen, um zu arbeiten, wurde die Stadt zu einem der größten Wohnungsbauplätze der DDR. In Rekordzeiten wurden Plattenhochhäuser errichtet. Jede Großplatte, jeder Kubikmeter Beton ist ein Politikum, ist geschaffen, um Menschen Freude zu schaffen“, hieß es in einer Propaganda-Schrift der SED. Hoyerswerda galt in den Augen der Mächtigen als Vorzeige-Projekt, in dem Wohnen und Arbeiten vorbildlich miteinander verbunden waren. Entstanden ist allerdings eine Stadt ohne soziale Infrastruktur. Es gibt kein Kino, keine Diskothek; die Kneipen machen um 22 Uhr dicht. Triste Wohnbunker und öde Straßen prägen das Bild der Stadt. Ende der siebziger Jahre wurden zusätzlich Arbeiter aus den „sozialistischen Bruderländern“ geholt, vor allem Vietnamesen und Mosambikaner. „Arbeiterintensivhaltungsregale“ nennen die Bürger von Hoyerswerda die Betonburgen, in denen auch die Gastarbeiter einquartiert wurden.

Nach dem Fall der Mauer haben sich auch in Hoyerswerda die Zeiten geändert. Die Arbeitslosenquote liegt heute bei sieben Prozent. In den nächsten Wochen will die „Schwarze Pumpe“ 5000 Arbeiter entlassen. Immer mehr Einwohner leben von Sozial- oder Arbeitslosenhilfe, viele Jugendliche finden nach der Lehre keinen Job.

Warum in Hoyerswerda seit anderthalb Wochen eine „Menschenjagd“ (Hoyerswerdaer Wochenblatt) stattfindet, dafür haben die verantwortlichen Politiker Erklärungen parat, die bei den Einheimischen ungeteilte Zustimmung finden. Innenminister Krause erklärte, es gebe nicht nur „Fehlverhalten“ von Bürgern und „Übergriffe“ von Rechtsradikalen. „Es gibt auch Asylbewerber, die sich in ihren Unterkünften und in dem Umfeld nicht so verhalten, wie es zum normalen Umgang und zum Kulturniveau hier gehört.“

Vorurteile gegen Ausländer hat es auch schon zu SED-Zeiten gegeben. Aber erst seit den brutalen Überfällen der Skinheads machen auch „normale“ Birger ihren aufgestauten Aggressionen Luft. „Die Neger kriegen doch Zucker in den Arsch geblasen“, erregt sich eine Angestellte. Erst wenn „der letzte Ausländer“ Hoyerswerda verlassen habe, werde wieder Ruhe einkehren in „unserer deutschen“ Stadt. Die Frau „kann einfach nicht verstehen, was die Ausländer hier sollen: Ich gehe ja auch nicht nach Mosambik, um da zu arbeiten“. Die Überfälle auf die Fremden heißt sie gut: „Die sollen merken, daß wir sie hier nicht haben wollen.“ Ein etwa vierzig Jahre alter Mann, der die Straßenschlacht vor dem Gastarbeiter-Wohnheim aus sicherer Distanz verfolgt, feuert die Rechtsradikalen an. „Die nehmen uns Arbeit und Wohnungen weg“, erklärt er seine Ressentiments gegen die Ausländer. Und die jungen Frauen würden „von den Negern mit Aids infiziert“.

Die rechten Schläger, die am Samstag nachmittag die Thomas-Müntzer-Straße belagern, können einen „Teilerfolg“ verbuchen: In Fahrzeugen aus dem alten Fuhrpark der Nationalen Volksarmee werden zwischen zwanzig und dreißig Kinder und Mütter aus dem Asylbewerberheim an einen unbekannten Ort gebracht. Auch Frau D. aus Bukarest steigt mit ihren Töchtern in einen Kübelwagen. Ihre Kinder sind völlig verwirrt, heulen und schreien. Ein Pfarrer verweigert jede Auskunft darüber, wer den Transport organisiert hat und wo die Frauen und Kinder hingefahren werden. Er schreit nur: „Wenn Sie nicht so einen Medienrummel machen würden, wäre es erst gar nicht soweit gekommen.“