Die Aktion sollte eigentlich geheimgehalten werden, erklärt ein Busfahrer. Aber die überstürzte Flucht vor dem Mob hatte sich offenbar herumgesprochen. Die Bürger von Hoyerswerda verfolgen die Abschiedsszenen. Als die Busse abfahren, schreit ein vielleicht 25 Jahre alter Mann ihnen hinterher: „Wir bringen Euch alle um, ihr dreckigen Negerschweine!“

Nach dem Willen des sächsischen Innenministers Rudolf Krause (CDU) sollten die Asylbewerber in Hoyerswerda bleiben. Am vergangenen Wochenende ordnete er an, alle Asylunterkünfte in Sachsen einzuzäunen, „wo immer das möglich ist“. Ins Ghetto will er die Ausländer damit nicht sperren. Ihren Schutz kann er aber auch nicht garantieren: „Absolute Sicherheit für die Ausländer gibt es nicht. Die verlassen ja auch das Heim, und dann können wir sie nicht schützen.“

Bei den Krawallen in Sachsen sind bislang 13 Ausländer und Passanten verletzt und 24 „Randalierer“ vorläufig festgenommen worden. Das sei „Durchschnitt“, meint ein Polizeibeamter. Im Krankenhaus von Hoyerswerda wollen weder die Nachtschwester noch der diensthabende Arzt Auskünfte erteilen über die Art der Verletzungen. Hinter der Hand räumt eine Krankenschwester aber ein: „Inzwischen ist das doch hier normal, daß jede Nacht Verletzte eingeliefert werden.“

Hoyerswerda liegt dreißig Kilometer südlich von Cottbus. 1956 hatte die Stadt nur 7000 Einwohner, heute sind es knapp zehnmal so viele. Die meisten Bürger sind im Braunkohle-Veredelungswerk „Schwarze Pumpe“ oder als Kumpel bei der Lausitzer Braunkohle AG beschäftigt; nicht immer freiwillig, denn auch Schwerverbrecher und Kritiker des SED-Regimes wurden zum Außendienst nach Hoyerswerda abgeschoben. Weil Anfang der sechziger Jahre immer mehr Menschen aus allen Teilen des Landes hierher zogen, um zu arbeiten, wurde die Stadt zu einem der größten Wohnungsbauplätze der DDR. In Rekordzeiten wurden Plattenhochhäuser errichtet. Jede Großplatte, jeder Kubikmeter Beton ist ein Politikum, ist geschaffen, um Menschen Freude zu schaffen“, hieß es in einer Propaganda-Schrift der SED. Hoyerswerda galt in den Augen der Mächtigen als Vorzeige-Projekt, in dem Wohnen und Arbeiten vorbildlich miteinander verbunden waren. Entstanden ist allerdings eine Stadt ohne soziale Infrastruktur. Es gibt kein Kino, keine Diskothek; die Kneipen machen um 22 Uhr dicht. Triste Wohnbunker und öde Straßen prägen das Bild der Stadt. Ende der siebziger Jahre wurden zusätzlich Arbeiter aus den „sozialistischen Bruderländern“ geholt, vor allem Vietnamesen und Mosambikaner. „Arbeiterintensivhaltungsregale“ nennen die Bürger von Hoyerswerda die Betonburgen, in denen auch die Gastarbeiter einquartiert wurden.

Nach dem Fall der Mauer haben sich auch in Hoyerswerda die Zeiten geändert. Die Arbeitslosenquote liegt heute bei sieben Prozent. In den nächsten Wochen will die „Schwarze Pumpe“ 5000 Arbeiter entlassen. Immer mehr Einwohner leben von Sozial- oder Arbeitslosenhilfe, viele Jugendliche finden nach der Lehre keinen Job.

Warum in Hoyerswerda seit anderthalb Wochen eine „Menschenjagd“ (Hoyerswerdaer Wochenblatt) stattfindet, dafür haben die verantwortlichen Politiker Erklärungen parat, die bei den Einheimischen ungeteilte Zustimmung finden. Innenminister Krause erklärte, es gebe nicht nur „Fehlverhalten“ von Bürgern und „Übergriffe“ von Rechtsradikalen. „Es gibt auch Asylbewerber, die sich in ihren Unterkünften und in dem Umfeld nicht so verhalten, wie es zum normalen Umgang und zum Kulturniveau hier gehört.“

Vorurteile gegen Ausländer hat es auch schon zu SED-Zeiten gegeben. Aber erst seit den brutalen Überfällen der Skinheads machen auch „normale“ Birger ihren aufgestauten Aggressionen Luft. „Die Neger kriegen doch Zucker in den Arsch geblasen“, erregt sich eine Angestellte. Erst wenn „der letzte Ausländer“ Hoyerswerda verlassen habe, werde wieder Ruhe einkehren in „unserer deutschen“ Stadt. Die Frau „kann einfach nicht verstehen, was die Ausländer hier sollen: Ich gehe ja auch nicht nach Mosambik, um da zu arbeiten“. Die Überfälle auf die Fremden heißt sie gut: „Die sollen merken, daß wir sie hier nicht haben wollen.“ Ein etwa vierzig Jahre alter Mann, der die Straßenschlacht vor dem Gastarbeiter-Wohnheim aus sicherer Distanz verfolgt, feuert die Rechtsradikalen an. „Die nehmen uns Arbeit und Wohnungen weg“, erklärt er seine Ressentiments gegen die Ausländer. Und die jungen Frauen würden „von den Negern mit Aids infiziert“.

Die rechten Schläger, die am Samstag nachmittag die Thomas-Müntzer-Straße belagern, können einen „Teilerfolg“ verbuchen: In Fahrzeugen aus dem alten Fuhrpark der Nationalen Volksarmee werden zwischen zwanzig und dreißig Kinder und Mütter aus dem Asylbewerberheim an einen unbekannten Ort gebracht. Auch Frau D. aus Bukarest steigt mit ihren Töchtern in einen Kübelwagen. Ihre Kinder sind völlig verwirrt, heulen und schreien. Ein Pfarrer verweigert jede Auskunft darüber, wer den Transport organisiert hat und wo die Frauen und Kinder hingefahren werden. Er schreit nur: „Wenn Sie nicht so einen Medienrummel machen würden, wäre es erst gar nicht soweit gekommen.“