Von Iris Radisch

Die alten Männer mit den Lurchgesichtern. Bevor der Tod uns nicht von ihnen scheidet, sitzen sie unzerstörbar mit bordeauxroten Hausschuhen in ihren Vorstadtvillen und brüsten sich mit ihrem gottlob vergangenen Leben.

Monika Maron hat gerade im Spiegel dagegen protestiert, die Memoiren des Hermann Kant als nationales Kulturereignis zu begehen. In ihrem Roman „Stille Zeile Sechs“ leiht sie (alias Rosalind Polkowski) einem alten Lurchgesicht ihre Hand, um dessen Memoiren zu Papier zu bringen. Sie hat also gewußt, wovon sie spricht.

Vor drei Jahren ist Monika Maron nach Hamburg gezogen. Ihre Romanfiguren hat sie in Ostberlin gelassen. Dort hat Rosalind Polkowski ihre Arbeit in den Barabasschen Forschungsstätten, die sie schon im Roman „Die Überläuferin“ nicht mehr besonders mochte, Mitte der achtziger Jahre endlich aufgegeben. Sie will ihren Kopf nicht mehr für Dummköpfe arbeiten lassen. Sie will die Weltliteratur lesen, Klavier lernen, die unübersetzbaren Rezitative aus „Don Giovanni“ übersetzen. Sie geht ins Café. Im Café trifft sie Beerenbaum (Rosenzüchter, Genosse, Machtmensch), ein halbes Jahr, bevor er dahin kommt, wohin er nach Frau Polkowskis Meinung schon immer gehört hätte: auf den Pankower Friedhof.

Rosalind Polkowski ist eine Menschenkennerin. Sie weiß sofort, daß Genosse Beerenbaum ein sozialistisches Ekel ist. Sein Doppelkinn, seine abwärtszeigenden Mundwinkel, die Müdigkeit zwischen Augen und Kinn sagen ihr: ein Mann aus kleinen Verhältnissen, als halbes Kind in die Partei eingetreten, Emigration (Moskau), Rückkehr, Funktionär.

Rosalind Polkowski weiß ein bißchen viel, aber das beschleunigt die Geschichte. Beerenbaum bietet ihr 500 Mark. Er will ihr zweimal pro Woche sein sozialistisches Leben ins Heft diktieren, denn seine rechte Hand verweigert ihm im Alter endlich den Dienst. Frau Polkowski sagt zu, und im Handumdrehen sitzt sie vor seiner furnierten Schrankwand an der Schreibmaschine Marke Rheinmetall und schreibt: „Schon als kleiner Knirps wußte ich, daß das Herz links saß und der Feind rechts stand.“

Wenn Beerenbaum spricht, bläht sich sein Doppelkinn wie der Hals eines kollernden Truthahns. Rosalind Polkowski ist erfreulich nekrophil. Sie wünscht sich, daß sein Doppelkinn platzt, und stellt sich vor, wie „aus dem aufgerissenen Doppelkinn, fette, satte Leichenwürmer“ fallen.