Ein heilsamer Schwindel, bekennt der Historiker Peter Brown, habe ihn beim Schreiben dieses Buches erfaßt. Glücklicherweise hatte der Protestant aus Dublin, der an der Princeton University lehrt, keine Hemmungen, seine Leser Anteil an seinem Gefühl nehmen zu lassen "Die Keuschheit der Engel" breitet die bunte Landkarte des frühen Christentums zwischen Rhone und Euphrat aus, stellt streitbare, sonderbare, elitäre Führer der neuen, zukunftsträchtigen Religion vor. Ursprünglich war die Freiheit das stolze Kennzeichen eines Christenmenschen. Vor allem im Osten wurde sie zum Ideal. Dann hämmerte Kirchenvater Augustinus seiner Kirche im westlichen Teil des Mittelmeers das Gegenteil ein: daß durch den Sündenfall im Paradies jeder Mensch mit der Erbsünde belastet ist und deshalb keinerlei freien Willen besitzt. Ob Katholiken oder Protestanten: Es ist die Lehre des Augustinus, die sich auf ganzer Front durchgesetzt hat.

Peter Brown geht es nicht um die Entwicklung dogmatischer Lehrgebäude. Er konzentriert sich auf ein christliches Erbe höchst irdischer Art. "Body and Society" heißt der weniger schöne, aber treffendere Titel der englischen Originalausgabe. Wie sich Körpergefühl, Sexualität und die Ideen von der Natur des Menschen, soziale Gegebenheiten, staatliche und gesellschaftliche Institutionen und die neue Lehre des Christentums in jener Frühzeit zueinander verhalten, als das Christentum in einen westlichen und einen östlichen Einflußbereich gespalten war, entwirrt dieses Buch, sorgfältig und lebendig zugleich. Der heilsame Schwindel und die kritische Sympathie des Autors entlarven überzeugender als aggressive Rundumschläge, daß nicht Gottes unerforschlicher Ratschluß, sondern Menschenwerk die Richtung an entscheidenden Weggabelungen des Christentums bestimmte. Der Körper scheint zum höchst privaten und persönlichen Bereich eines Menschen zu gehören und stand doch stets im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit von Staat und Gesellschaft. Das antike Rom machte da keine Ausnahme, denn die Größe des Imperiums hing davon ab, daß sich sowohl das gemeine Volk wie die Elite kontinuierlich fortpflanzte. Familiengründung und damit Sexualität war keine Privatsache.

Nach der Lehre der Stoa sollte die römische Kleinfamilie mit dem Vater an der Spitze ein harmonisches Abbild staatlicher Ordnung sein. Disziplin und Maßhalten galten auch im Augenblick der Zeugung. War ein Mann in diesem Augenblick zu leidenschaftlich, gab er zuviel von seiner inneren "Hitze" ab und geriet damit in Gefahr zu verweiblichen. Nichts war dem Römer schrecklicher, als seine Virilität zu verlieren. Also besaß eigentlich der Mann am meisten davon, der keusch lebte. Da das jedoch den Tod der Gesellschaft bedeutet hätte, fügten sich die alten Römer den biologischen Notwendigkeiten.

Dieses antike Familienideal übernahmen im zweiten nachchristlichen Jahrhundert angesehene Führer des Christentums, in der Regel ältere Familienväter. Einer von ihnen war Clemens von Alexandrien. Ein berühmter Schriftsteller und Grandseigneur, dessen Alltag Peter Brown mit wenigen Sätzen anschaulich ins Leben ruft: "Er nimmt seine Mahlzeiten ein, hält conversazioni, schreitet mit lebhaften Schritten über den gepflegten Rasen einer hellenistischen Vorstadtvilla und zieht sich sogar gelegentlich diskret mit seiner Gattin ins Bett zurück "

Clemens vertritt die schweigende Mehrheit wohlsituierter christlicher Laien. Die Familie ist für ihn der ruhende Pol der Gesellschaft und Lust in bester stoischer Tradition "gemein und gewöhnlich". Trotzdem ist Sexualität im Dienste Gottes erlaubt. Clemens verachtet die Wonnen der Enthaltsamkeit, deren Loblieder auch in Alexandrien nicht mehr zu überhören sind.

Diese christlichen Enkratiten, "Enthaltsame", die vor allem in Syrien zu Hause waren, brauchten sich in den Ländern des östlichen Mittelmeerraums um Nachwuchs nicht zu sorgen. Ihr radikaler Verzicht auf Sexualität faszinierte, weil er mehr war als eine bloße Negation. Dahinter stand eine neue Sicht der Geschlechter. Die Frau war nicht länger die Verführerin des Mannes. Sie wurde aufgefordert, schon in der Hochzeitsnacht mit dem Boykott ehelicher Pflichten zu beginnen. Hatten Männer und Frauen die sexuellen Begierden überwunden, lebten sie in Gruppen frei und zölibatär zusammen.

Um die Mitte des dritten Jahrhunderts machten im Osten zwei Männer von sich reden: Origines in Alexandrien und Antonius, der über achtzig Jahre als Mönch in der Wüste nahe dem Roten Meer lebte. Beide entschieden sich für ein eheloses Leben. Beide faszinierten mit ihrem alternativen Lebensentwurf, mit ihrem "Mythos der Wüste" zum erstenmal in der Geschichte des Christentums die Jugend für den neuen Glauben. Für Origines, den Stammvater christlicher Mystik, erlebt der Enthaltsame die Vereinigung mit Christus im Geist intensiver als jede körperliche Vereinigung.

Für Antonius und seine Nachfolger stand der Kampf gegen den Hunger im Mittelpunkt ihres kargen Lebens, erst danach kamen die sexuellen Versuchungen. Indem die Mönche den Kampf gegen den Bauch gewannen, ohne zu wilden Tieren zu werden, setzten sie ein Zeichen der Menschlichkeit in einer Welt, wo die Mehrheit der Menschen nicht genug zu essen hatte. Die Wüstenväter wurden Seelenführer, zu denen Unzählige mit ihren Problemen pilgerten. Um Rat in ehelichen Dingen gebeten, gaben sie keine detaillierten Vorschriften. Sie sahen sich nicht als Schnüffler in den christlichen Schlafzimmern.

Fast alle Quellen über diese ersten Jahrhunderte des Christentums stammen von Männern. Das wurde in der Wissenschaft nicht hinterfragt, bis die feministische Theologie in den USA in den siebziger Jahren begann, sich mit der Rolle der Frauen zu beschäftigen (Fast ein Komplementärband zur "Keuschheit der Engel" ist das neue Buch von Elaine Pageis: "Adam, Eva und die Schlange. Die Theologie der Sünde", Rowohlt Verlag, 1991 ) Bei Peter Brown, der sich dankbar auf die Arbeit seiner Kolleginnen beruft, kommen die christlichen Frauen dieser Epoche nicht zu kurz.

Ägypten, Palästina, Syrien, die Türkei sind in unserm Gedächtnis fest als islamische Kulturen eingegraben. Peter Brown ruft das vorangegangene Erbe in Erinnerung: Es gab im Osten ein experimentierfreudiges Christentum, das eine Vorliebe für Außenseiter, Exzentriker, Utopisten hatte. Sexuelle Enthaltsamkeit war diesen Christen der beste Beweis, daß der Mensch ein freies Wesen mit einem freien Willen ist. Der Westen dagegen, Italien, war konservativ. Paradoxerweise errangen Frauen hier eine ungewöhnliche Bedeutung für die junge Kirche. Doch die Umstände lösen das Rätsel. Während ihre Männer und Söhne den Kirchen fernblieben, weil dies die Karriere förderte, waren die Frauen der italienischen Oberschicht längst aktive Christen, arbeiteten eng mit dem Klerus zusammen. Als sich immer mehr von ihnen entschieden, Witwen zu bleiben, nicht wieder zu heiraten und — zum Entsetzen ihrer Familien — mit ihrem Vermögen sowohl Arme wie Bischöfe zu unterstützen, tat die Geistlichkeit in ihrem eigenen Interesse alles, um das enthaltsame Leben gesellschaftsfähig zu machen.

Es waren zwei Männer im Westen, die so entschieden wie nie zuvor in der Geschichte des Christentums die Jungfräulichkeit zum christlichen Symbol schlechthin erhoben. Der eine, Ambrosius, ein junger Adliger, wurde von den Mailändern 374 zum Bischof gewählt. Der andere war Hieronymus, ein Priester aus Dalmatien. Hieronymus, der 382 nach Rom kam, pflegte mit reichen Witwen und deren Töchtern Umgang, machte sie zu Adressatinnen seiner gelehrten Abhandlungen. Doch als Origines, sein Vorbild, unter Häresieverdacht geriet, änderte Hieronymus seine Meinung. Daß am Ende im Paradies alle Grenzen fallen sollten, auch die körperlichen, wie Origines gelehrt hatte, war ihm nun ein Greuel. Nein, Männer blieben Männer, und Frauen blieben Frauen — in alle Ewigkeit. Im Himmel traf sich die ganze römische Gesellschaft wieder, mit allen Unterschieden. Und jene Mäzeninnen, denen er einst gelehrte und schmeichelnde Briefe geschrieben, deren Vermögen er gerne angenommen hatte, waren für Hieronymus plötzlich "törichte alte Frauen".

Eine ähnlich panische Angst vor Auflösung und Grenzüberschreitungen hatte auch Ambrosius. Der Bischof von Mailand konnte sich die Welt nur in Gegensätzen denken — ChristHeide, LeibSeele, MannFrau. Sex war für ihn die häßlichste Narbe im menschlichen Leben, denn er bedeutete Vermischung, Überschreitung. Jungfräulichkeit dagegen war makellose Unversehrtheit, ein solcher Körper eine Festung, in die niemand Einlaß fand. Mit Ambrosius und Hieronymus bekam die christliche Ehelosigkeit eine neue Qualität, wurde eine Doktrin, die in dieser Ausschließlichkeit gegen alle bisherige Tradition stand. Ambrosius war ein berühmter Prediger. Einer, den er auch überzeugte, war Augustinus. Der karrieresüchtige Rhetorikprofessor, der dreizehn Jahre mit einer Konkubine zusammengelebt hatte, deutete die Predigten des Mailänder Bischofs so, daß die Taufe jeden Christen verpflichte, allen sexuellen Aktivitäten abzuschwören. Augustinus tat es. Als Spätberufener mischte er sich heftig in alle theologischen Diskussionen ein. Während das römische Weltreich zerfiel, glaubte Augustinus, daß die christliche Gesellschaft, die junge Kirche und die neue christliche Obrigkeit sich gegenseitig stützen mußten. Der Bischof rief die weltliche Macht an, um die Ketzer auszurotten und so die Einheit der Kirche zu bewahren. Im Gegenzug verpflichtete sich die geistliche Macht, die Gesellschaft auf diesen Staat einzuschwören und gehorsame Bürger heranzuziehen. Das Geschäft auf Gegenseitigkeit lief reibungslos. Bis die sexuelle Begierde des Menschen in den Überlegungen des Augustinus einen so übermächtigen Platz einnahm, daß er eine Lehre verkündete, die in der christlichen Kultur rings um das Mittelmeer ein Erdbeben auslöste. Allerdings war das neue Dogma des Augustinus auf der Grundlage seines bisherigen Denkens nur konsequent. Wer Gehorsam und Stabilität als Eckpfeiler des christlichen Lebens pries, dem konnte es nicht schwerfallen, den bisherigen Schwerpunkt der noch jungen christlichen Tradition — die Freiheit — so zu verschieben, daß die totale Unfreiheit an seine Stelle trat. Für den gelehrten Kirchenmann in Hippo hat der Sündenfall von Adam und Eva im Paradies alle ihre Nachkommen mit einem schrecklichen Makel behaftet — der Erbsünde. Sie bedeutet, daß auch der Christ nicht Herr seines Willens ist, nicht die Freiheit hat, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden. Den Beweis führt Augustinus über die Sexualität. Bildeten vor dem Griff nach dem Apfel beim Geschlechtsakt im Paradies sexuelle Lust und Willen eine harmonische Einheit, so wird nach Augustinus auf Erden jede sexuelle Erfahrung ausschließlich von der Begierde geprägt.

Pelagius, ein Mönch aus Britannien, den es nach Rom verschlagen hatte, war der erste, der dem Augustinus heftig widersprach. Doch noch schonungsloser bekämpfte Julian, Bischof im süditalienischen Eclanum, den Alten von Hippo. Julian, fast eine Generation jünger, war der Sohn eines Bischofs und hatte die Tochter eines Bischofs geheiratet. Sexuelle Versuchungen waren für diesen Abkömmling der Oberschicht nicht das zentrale Problem. Er sah den Menschen vielmehr durch Wohlstand, familiäre Verpflichtungen und Machtgier korrumpiert. Und wie Pelagius war Julian der Meinung, der Mensch habe die Freiheit und den Willen, sich gegen solche Zwänge und für ein tugendhaftes Leben zu entscheiden. Folglich sah Julian auch die Sexualität — den Dreh- und Angelpunkt in diesem Streit — "als einen Trieb in unserem Körper, der von Gott gemacht ist", und nicht, wie er Augustinus vorwarf, als "einen Trieb, von dem du behauptest, er sei vom Teufel in uns gelegt worden". Doch beide Bischöfe wußten, daß nur der sich durchsetzen würde, der die politische Elite für seine Ansichten gewinnen konnte. So erhielt Graf Valerius, ein frommer, einflußreicher, verheirateter Mann am Hofe von Ravenna, vom Jahre 418 an unermüdlich Post von den beiden Widersachern. Augustinus beruhigte Valerius: Natürlich solle er mit dem Segen der Kirche Kinder zeugen können. Nur müsse er als Christ den zügellosen Trieb stets in Zucht nehmen. Und war Disziplin nicht generell eine Tugend?

Im Osten gab es um diese Zeit Männer und Frauen in der Nachfolge des Antonius, die die vorgegebenen Ordnungen durchbrachen. Sie verzichteten auf Ehe und Besitz und lebten in der Wüste. Menschenfreundliche Asketen, überzeugt, schon ien irdischen Körper verwandeln zu können und so ein Signal christlicher Freiheit zu setzen. Im Westen dagegen verbanden sich unter dem Einfluß des Augustinus antike Stoa und die Sehnsucht einer christlichen Führungsschicht nach Ordnung in einer bedrohten Welt, um die Menschen über ihre Körper zu disziplinieren.

In dieser Tradition hob die römische Kirche die Enthaltsamkeit auf den höchsten Rang. Der offizielle Zölibat des Klerus war — so Brown — ein genialer Zug, die enge Verbindung der Kirche zu den Quellen der Macht auszublenden. Denn mochten die führenden Geistlichen auch noch lange verheiratet sein, offiziell waren sie allem Irdischen entrückt — und sorgten doch als Angehörige der Oberschicht dafür, daß immer mehr Privatbesitz an die Kirche überging, den sie fachmännisch vervalteten und mehrten.

"Die Keuschheit der Engel" überbrückt einen tiefen Abgrund zwischen Menschen und Zeiten, ohne die Fremdheiten aufzuheben. Peter Brown bringt Stimmen von verketzerten Minderheiten vieder in Hörweite. Er lockt auf Nebenpfade, knüpft Vernetzungen, die den Hauptstrom erst virklich verständlich machen. Trotz eines gewaltigen Pensums ist es ein Buch mit Farben, Gerüchen, Sinn für Humor. Nur eins macht traurig: Es hätte einen besseren Übersetzer verdient.

Sexuelle Entsagung, Askese und Körperlichkeit am Anfang des Christentums; Carl Hanser Verlag, München 1991; 599 S, 78 - DM