Ein sterbender General bei der Schlacht von Quebec 1759 und ein Mord in Harvard 1849: zwei kleine Geschichten, historisch eigentlich völlig unbedeutend. Zwischen beiden besteht auch keinerlei Verbindung, außer daß zufällig eine der klassischen Darstellungen jener Schlacht von einem Neffen des Ermordeten stammt. Trotzdem werden diese Episoden hier auf dreihundert Seiten erzählt. Mit einer bestimmten Absicht natürlich. Der Autor, selbst Harvard Professor und durch zwei historische Bestseller bekannt geworden, möchte ein Exempel statuieren: Da Geschichte ihrem Wesen nach Erzählung sei, ohne Anspruch auf absolute Wahrheit, will er den Schritt wagen und seine Informationen und Gedanken, wie er sagt, in Form "historischer Novellen" präsentieren.

In der ersten Geschichte geht es um den Tod des Generals James Wolfe im englisch französischen Krieg um Kanada. Das durch Zeitgenossen und Historiker überlieferte Bild dieses mittelmäßigen Offiziers ist weitgehend negativ. Dennoch: Beim Publikum — und in den Schulbüchern — setzte sich eine "großsprecherische Lüge" durch, weil in einem zehn Jahre nach der Schlacht entstandenen berühmten Historiengemälde von Benjamin West, "The Death of General Wolfe", der sterbende Held inmitten tobender Kampfhandlungen dargestellt wird, umrahmt von getreuen Offizieren und Soldaten. Im Hintergrund wacht sogar ein stolzer indianischer Krieger — dabei hatten die Indianer in Wirklichkeit auf Seiten der Franzosen gekämpft. Das gesamte Arrangement ist also fiktiv, gleichsam eine imperialistische Pietä. Nur in einem Punkt verweigerte sich der Maler dem Zeitgeist: Er stellte Wolfe in seiner englischen Uniform dar und nicht etwa in einer römischen Toga.

Die zweite Erzählung ist schon etwas spannender und nimmt auch etwa zwei Drittel des Buches ein: Ein Harvard Mediziner, George Parkman, der sich hauptsächlich als Grundstücksspekulant und Miethai betätigt, verschwindet spurlos. Teile seiner Leiche — aber da ist man sich nicht ganz sicher — werden in einem Labor des Medical College gefunden, wo Parkman zuletzt einen heftigen Streit mit dem Chemie Professor John Webster hatte, der ihm einige hundert Dollar schuldet. Dieser bestreitet die Tat und verdächtigt statt dessen den Hausmeister und Leichenhändler Littlefield, welcher seinerseits als Hauptbelastungszeuge gegen Webster auftritt. Nach einem spektakulären Indizienprozeß wird der Professor zum Tode verurteilt und hingerichtet. Seine Schuld ist zwar wahrscheinlich, aber lückenlos erwiesen ist sie eigentlich nicht.

Daß Historiker aus kleinen, letztlich banalen Ereignissen etwas "Bedeutsames" machen können, ist nicht neu. Die Kunst und Wissenschaft der Geschichte bestand schon immer darin, das Alltägliche so zu analysieren, daß es zuallererst interessant wurde. Aber der Historiker wird damit nicht zum Romancier: Seine Welt ist vorgegeben, auch wenn er sein Material, die sogenannten "Quellen", erst kreativ erarbeiten und durch Interpretation zum Sprechen bringen muß. Während der Schriftsteller alles erfinden darf, versucht der Historiker, Realitäten zu beschreiben und zu verstehen, ja vielleicht sogar zu erklären. Seine Darstellungsformen und Schreibweisen sind erweiterbar, aber nicht beliebig. Ohne einen gewissen "Willen zur Wahrheit" geht es jedenfalls nicht. Heraus käme sonst nur schlechte Literatur. Simon Schama sieht das anders. Er plädiert nicht nur für eine Aufwertung der Erzählung, sondern der Fiktion schlechthin, weil sie in den Quellen ohnehin auf Schritt und Tritt präsent sei. "Spekulationen ohne Gewähr", so lautet der programmatische Untertitel der amerikanischen Originalausgabe. Wie ein Romanautor erfindet Schama folglich Personen und Örtlichkeiten, Dialoge und Monologe, ergeht sich in Stimmungsbildern nach literarischen Mustern des 19. Jahrhunderts. Die analytische Distanz des Historikers verschwindet völlig, belegbare Informationen und pure Spekulationen sind nicht mehr zu unterscheiden. Was wir lesen, ist eine Form historischer Belletristik.

Einem literarischen Anspruch wird das Buch aber kaum gerecht. Simon Schama ist eben nicht Henry James. Seine "Bostoner Geschichten" bleiben hölzern, man spürt die Ambition und ist verstimmt. Kein literarischer Verlag, so darf vermutet werden, hätte ein solches Manuskript herausgebracht beziehungsweise übersetzen lassen. Allein der Name des Autors und sein äußer literarisches Programm erklären das Interesse. Daher kommen wir um eine theoretische Bewertung nicht herum. Hier bietet sich ein Vergleich an: Anfang der achtziger Jahre legte Natalie Zemon Davis mit ihrem Buch "Die wahrhaftige Geschichte von der Wiederkehr des Martin Guerre" einen auf den ersten Blick ganz ähnlichen Versuch "fiktiver" Geschichtsschreibung vor, der jenseits der vorhandenen Quellen einen Kriminalfall des 16. Jahrhunderts behandelte. Aber für Natalie Davis war die Invention ein subtiles Erkenntnismittel, um kulturanthropologische Bereiche zu erkunden, für die es keine schriftliche Überlieferung gab und geben kann. Die Probleme und Risiken ihres Experiments hat sie dabei stets mitreflektiert, und ihre Erzählung überschreitet nie die Grenze zur Kolportage.

Bei Simon Schama reduziert sich demgegenüber das historische Geheimnis, das durch fiktive Darstellungen erhellt werden soll, auf Banalitäten: Ein toter General wird im nachhinein mystifiziert, und bei einem Indizienprozeß bleiben gewisse Zweifel an der Schuld des Angeklagten bestehen. Um das zu zeigen, hätte es der romanhaften Form eigentlich gar nicht bedurft. So entsteht am Ende der Eindruck, daß Schama mit seinem überzogenen Projekt ein Signal setzen wollte: indirekt kritisiert er nicht nur den naiven Wahrheitsanspruch einer positivistischen Historie, sondern jede analytisch argumentierende Geschichtsschreibung. Die konservative Pointe ist unübersehbar. Als deutscher Historiker fühlt man sich dabei unwillkürlich an die Debatten über historische Belletristik in den zwanziger und dreißiger Jahren erinnert, wo bereits einmal die imagination creatrice gegen eine angeblich übertriebene Rationalität ausgespielt wurde. Von der historischen Fiktion zur "Mythenschau" war dann kein weiter Weg. Über zwei historische Todesfälle und das Vexierbild der Geschichte. Aus dem Amerikanischen von Gerda Kurz und Siglinde Summerer; Kindler, München 1991; 320 S, 42 - DM