Osteuropa zwischen Hoffnung und Sorge – Erwägungen bei einem Seminar in Krakau

Von Marion Gräfin Dönhoff

Krakau, im Oktober

Fünfundzwanzig Jahre, ein Vierteljahrhundert, hat sie gelebt und gewirkt, in der vergangenen Woche wurde sie – geehrt durch ein großes, internationales Seminar – zu Grabe getragen: die Fondation pour une Entraide Intellectuelle Europeenne. Die Stiftung war in Paris angesiedelt und hatte sich zur Aufgabe gemacht, Intellektuelle aus kommunistischen Ländern durch Stipendien oder Buchsendungen zu unterstützen, sofern die Betreffenden entschlossen waren, wieder in ihre Länder zurückzukehren. Denn wenn die Fondation politische Emigration begünstigt hätte, wäre es mit ihrer Tätigkeit sehr bald zu Ende gewesen.

So aber ist es gelungen, in den zurückliegenden 25 Jahren 3000 unabhängigen Intellektuellen eine Studienreise nach Westeuropa in das Land ihrer Wahl zu ermöglichen und 15 000 individuell erbetene Bücher in den Osten zu senden.

Zu dem Abschlußseminar, das jetzt in Krakau stattfand, waren etwa achtzig der ehemaligen Schützlinge erschienen. Aus allen Ländern waren sie gekommen, aus Polen, Ungarn, der Tschechoslowakei, Bulgarien, Rumänien, Jugoslawien, Litauen, Lettland, Estland. Noch nie seit vierzig Jahren waren Bürger aus all diesen ehemals kommunistischen Staaten auf einer Veranstaltung zusammengetroffen. Man staunt: Welche Vielfalt an Nationalitäten hat da in diesem engen Raum durch Jahrhunderte nebeneinander existiert – eingezwängt zwischen dem russischen, dem deutschen, dem ottomanischen Reich und dem der Habsburger, zuweilen auch überlagert oder verschluckt von ihnen.

Ein Slowake meinte: „Daß in diesem Teil der Welt verschiedene Kulturen und viele kleine Nationen so dicht nebeneinander wohnen, ist der Grund dafür, daß Instabilität hier so leicht zu Konflikten führt.“ Und der französische Professor Jacques Rupnik, Vorstandsmitglied der Fondation, pointierte: „Diese Völker haben andere Erfahrungen. Sie haben mehr Probleme, aber auch mehr Weisheit als der Westen. Sie wissen, daß es keine Sicherheit gibt, keinen endgültigen Sieg und keinen permanenten Frieden.“

Mir wurde dort in Krakau deutlich, daß der Nationalismus, den wir Westler mit soviel Skepsis betrachten, für die Existenz der Osteuropäer einfach unentbehrlich war. Nur so konnten sie den Kampf um ihre Identität führen und schließlich ihre Freiheit erringen. Nun, da dies erreicht ist, hängt alles davon ab, daß sie wieder zu normaler Liberalität zurückfinden.

Eine junge Dichterin aus Estland sagte, und in ihrer Stimme schwang Sorge mit: „Ich weiß nicht, ob es möglich sein wird, unsere Sprache, die Sprache eines kleinen Volkes, zu bewahren, wir sind ja nur 1,5 Millionen Esten.“ Ihr Landsmann meinte später: „41 Prozent unserer Bevölkerung sind Russen, die als Arbeiter für die neuen Industrien aus der Sowjetunion eingeschleust wurden.“ Es seien primitive Menschen, deren Wortschatz 700 Worte nicht übersteige. „Was soll aus uns werden? Wie können wir die je wieder loswerden?“ Bei ihm schien der Gedanke nicht fern, daß dies ohne Gewalt wahrscheinlich nicht gehen werde.

Ein Jugoslawe vom „Institut für Europäische Studien“ in Belgrad befand, die alten nationalistischen Ideen, durchsetzt mit neuen, totalitären Elementen, hätten das Vakuum gefüllt, das durch den Zusammenbruch des Kommunismus entstanden ist. Er warnte: „Wenn die Nation als absoluter Wert angesehen wird und als das Kriterium für Freiheit schlechthin, dann kann das rasch zu einer totalitären Entwicklung führen.“

Die meisten der in Krakau Versammelten standen noch unter dem Schock der Freiheit, einer Freiheit, die sie sich so ganz anders erträumt hatten. Der ungarische Philosoph Elemer Hankiss beschrieb die überspannten Erwartungen sehr einleuchtend: „In der kommunistischen Ära wurde Freiheit zu einem allumfassenden Begriff, der sämtliche anderen Werte gleich mitliefert: Glück, Zufriedenheit, soziale Gerechtigkeit, Liebe, Loyalität ... Wir lebten in der Illusion, daß alle Probleme gelöst wären, sobald wir eines Tages die kommunistische Diktatur los sein würden. Und als dann die Freiheit kam und viele Probleme blieben, fühlten wir uns getäuscht und waren verwirrt. Wir konnten es nicht fassen, daß man in einer freien Gesellschaft hungern und frieren, daß man krank und sogar unglücklich sein kann.“

Ratlosigkeit und viele Sorgen beherrschten diese Menschen. Adam Michnik sieht einen Konflikt heraufziehen zwischen dem Wunsch, als Demokratien nach Europa zurückzukehren, und der Versuchung, sich einem autoritären, nationalen Populismus zu ergeben. Also stellt sich die Frage: Soll man sich mit Haut und Haar der Assimilierung an den Westen hingeben oder aber versuchen, möglichst viel von der nationalen Identität zu bewahren?

Der polnische Philosoph Leszek Kolakowski sprach über die Sehnsucht nach nationaler Unschuld und über das damit zusammenhängende Bedürfnis, „die Denkmäler jener finsteren Epoche zu zerstören, als könne man die Vergangenheit auslöschen. Schatten liegen bei allen Völkern auf ihrer Geschichte – nicht nur bei den Deutschen.“

Tatsache ist, daß die Revolution, die stattgefunden hat, mancherwärts mit einer gewissen Restauration Hand in Hand geht. Als Lech Walesa nach der Wahl zum Präsidenten die Insignien des Staatsoberhauptes entgegennahm, empfing er sie nicht von seinem Vorgänger Jaruzelski, der mit seiner Erfindung des „Runden Tisches“ die Revolution möglich gemacht hatte, sondern von den Repräsentanten der polnischen Exilregierung, die seit vier Jahrzehnten in London residieren. Offensichtlich sollte die Kontinuität mit der Zweiten Republik symbolisiert und die Zeit danach ausgelöscht werden.

Immer wieder stößt man bei besorgten polnischen Intellektuellen auf jene Frage nach der Alternative. Sie fürchten, daß angesichts der Verlockungen, die der technisierten Konsumgesellschaft nun einmal anhaften, alles Kulturelle und Humane in den Hintergrund gedrängt wird. Ein kluger, differenzierter Beobachter sagte mir: „Die Jungen bei uns beginnen, sich weit mehr für modische Kleidung, für Karriere und Geld zu interessieren als für die polnische Kultur oder die politischen Probleme der Welt.“ Auch bedauerte er, daß nur noch amerikanische Filme aufgeführt werden und ganz allgemein die Diskussionen verflachen.

Übrigens klagen die Polen jetzt über einen „Russenmarkt“, wie früher die Berliner sich über den „Polenmarkt“ beschwerten; auch kommen viele Russen der höheren Löhne wegen nach Polen, wo sie wegen der wachsenden Arbeitslosigkeit vielfach scheel angesehen werden.

Die Lasten der Freiheit

Die Entfernung des trennenden Eisernen Vorhangs hat nicht nur Freiheit gebracht, sondern zugleich auch manche Laster ins Land gelassen, die man bisher allein dem – Kapitalismus zuschrieb: Drogen, rapide steigende Kriminalität, rücksichtslosen Wettstreit um Erfolg, während doch bislang in diesen Breiten Gleichheit den höchsten sozialen Wert darstellte.

Schmerzhaft empfinden viele die Diskrepanz zwischen dem Wunsch, nach Europa heimzukehren, und der nicht zu übersehenden eigenen Rückständigkeit. In den vierzig Jahren der Isolierung und gegenseitigen Verteufelung haben sich Ost- und Westeuropa noch viel weiter auseinanderentwickelt, als dies durch die Begriffe Demokratie und Diktatur charakterisiert ist.

Die beiden Systeme, die ja nicht nur im Prinzipiellen und in ihren ethischen Auffassungen grundsätzlich verschieden waren, sondern auch im Zuschnitt des Alltags und in der Lebenseinstellung, haben zwei ganz verschiedene Menschentypen geschaffen, die sich nicht ohne weiteres mit Hilfe der Marktwirtschaft wieder über einen Leisten biegen lassen.

Der westliche Freiheitsbegriff deckt sich nicht mit dem östlichen. Bei uns heißt Freiheit Rechtsordnung und individuelle Menschenrechte, im kommunistischen Bereich bedeutete Freiheit ökonomische Bedarfsdeckung.

Ob es das überhaupt je wieder geben wird: eine gemeinsame europäische Kultur? Krakau war ein sehr geeigneter Ort, um darüber nachzudenken. Hier waren während der Renaissance Künstler, Gelehrte und Wissenschaftler aus der ganzen Welt tätig. Italiener bauten Paläste, deutsche Gelehrte übten großen Einfluß auf die polnische Kultur aus, vor allem Konrad Celtis, Gründer verschiedener humanistischer Gesellschaften, der als erster Deutscher vom Kaiser zum Poeta laureatus gekrönt wurde. Celtis hat wechselweise in Italien und in Krakau gelebt. Veit Stoß hat den größten Teil seines Lebens in Krakau gewirkt. Kopernikus – von deutschen Eltern in Thorn geboren – sprach zu Hause Deutsch, fühlte sich aber als Pole. Auch er hatte in Italien – in Bologna und Padua – studiert. Viele Polen lehrten an deutschen Universitäten; polnische Autoren veröffentlichten ihre Bücher in Köln; deutsche Verleger gründeten den ersten polnischen Verlag in Krakau. Das gemeinsame Erbe des Humanismus war zu jener Zeit wichtiger als nationale Bezüge.

„In jener Epoche“, so schreibt der Polenkenner Karl Dedecius, „in der es weder Autos noch Flugzeuge gab, waren Rotterdam und Krakau, Krakau und Frankfurt, Breslau und Padua, Königsberg und Wien scheinbar nur einen Steinwurf voneinander entfernt.“

Vor kurzem ist in Krakau ein „Internationales Kulturzentrum“ unter der Präsidentschaft von Jacek Wozniakowski, Direktor der Znak-Verlage, gegründet worden. Bei der KSZE-Gipfelkonferenz im November in Paris hatte der Außenminister Polens vorgeschlagen, dieses Zentrum an die vergleichbaren Zentren westlicher Nationen anzuschließen, um so die Einheit Europas zu stärken.

Kann, wird es wirklich wieder eine europäische Kultur geben? Jahrhundertelang waren es philosophische Ideen, die die Politik beeinflußten. Die großen Denker und Schriftsteller waren verantwortlich für politische Konzepte. Montesquieu, der die amerikanische Verfassung und die französische Revolution entscheidend befruchtet hat, ferner Rousseau, die Philosophen der Aufklärung, die Romantiker, Karl Marx – sie hatten großen Einfluß auf die geistigen Strömungen und damit auf die politischen Systeme ihrer Zeit.

Kosmopolit als Schimpfwort

Von der Renaissance bis zum Ersten Weltkrieg fand ein ständiger Dialog zwischen den Denkern der verschiedenen Nationen statt. Jeder kannte die Werke des anderen; Goethe sprach oft von „Weltliteratur“. Karl Friedrich Schinkel, der preußische Baumeister, dessen 150. Todestag gerade gefeiert wird, war als Architekt und Planer überall in Europa tätig: nicht nur in Berlin und Potsdam, auch in Oslo, Athen, in Rußland und Polen.

Mit dem Ersten Weltkrieg fand diese kosmopolitische Epoche ihr Ende. „Kosmopolit“ war für Hitler ein Schimpfwort. Für Stalin stand das eigene Dogma an erster Stelle, alles andere verachtete er. Wird nun, da die Welt von jenen beiden Schurken befreit ist, noch einmal ein kosmopolitisches Klima entstehen?

Man spürte in Krakau die unterschwellige Sorge der Osteuropäer vor der fremden Welt des Westens, in der man sich offenbar nur noch für das Sozialprodukt, für Wachstumsraten und Exportziffern interessiert. Sollte da für den Geist wirklich genug Raum bleiben?

Die Fondation wird uns, den Betreuern und den Betreuten sehr fehlen. Kein Wunder, daß in Krakau hier und da der Gedanke auftauchte, ob man nicht etwas anderes, aber doch ähnliches neu gründen sollte. Vor allem, weil das Wichtigste noch da ist: ein wirklich einzigartig geeigneter, weil erfahrener und engagierter Mensch – Annette Laobrey. Sie hat seit dreizehn Jahren die Fondation geführt und es verstanden, alle zu motivieren: die Spender und die Helfer.

Wenn auch die Länder Osteuropas heute frei sind, Hilfe – nicht nur materielle – werden sie noch lange brauchen.