Von Leopold Kohr

Die meisten von uns glauben, daß das Elend, das die Welt erfaßt hat, darin liegt, daß sich die Menschheit in zu viele Staaten zersplittert. Deshalb sind auch die meisten von uns davon überzeugt, daß die einfachste Methode, dieses Übel abzustellen, ganz einfach darin liegt, die Vielzahl der Staaten durch einen Prozeß der allmählichen Vereinigung abzuschaffen, angefangen mit der Vereinigung der Demokratien, dann der Kontinente und letzten Endes der ganzen Welt. Die gewöhnlich zitierten Beispiele für die Möglichkeit solcher Unionen sind die Vereinigten Staaten und die Schweiz.

Was die Vereinigten Staaten anlangt, so sind sie kein Modell, das auf Europa angewendet werden kann, da sie keine Union verschiedener Einheiten darstellen. Es gibt keinen wirklichen Unterschied zwischen den Bevölkerungen, Sprachen, Rassen und Sitten, die in den verschiedenen Staaten existieren. Es gibt nur ein Volk, das amerikanische, das in den Vereinigten Staaten lebt, die einen Plural nur dem Namen nach darstellen. Die USA sind kein Land, sie ist ein Land. Die einzige Lehre, die sich daraus ziehen läßt: Trotz der äußeren Einheit wurde es für sinnvoller und praktischer gehalten, das Land in 48 Staaten zu unterteilen als den ganzen Halbkontinent durch Delegierte von Washington her verwalten zu lassen. Das heißt: Differenzierungen wurden künstlich hergestellt, weil es sich als einfacher erwies, dadurch eine Union zu schaffen als durch zentralistische Vereinheitlichung.

Ein besseres Beispiel für die Verwirklichung des Einigungstraumes, wie ihn die europäischen Unionisten träumen, wo es weder eine gemeinsame Sprache noch einen gemeinsamen kulturellen oder historischen Hintergrund gibt, finden wir in der Schweiz. Dort, auf einem kleinen Gebiet mitten in den Alpen, leben drei traditionelle Erzfeinde – Italiener, Deutsche und Franzosen – in einem Freundschaftsverband zur gemeinsamen Förderung von Frieden, Freiheit und Wohlstand. Für viele Europa-Enthusiasten ist die Schweiz das überzeugendste Modell für ein Zusammenleben verschiedener Nationen. Die Confoederatio Helvetia, nicht die USA, ist das heilige Land ihrer Ziele.

In Wirklichkeit ist aber auch die Schweiz etwas radikal anderes als das, was sie darzustellen scheint. Von den Proportionen her gesehen (wenn man von der in Graubünden lebenden kleinen vierten Nation der Rätoromanen absieht), bestehen die drei nationalen Hauptgruppen der Schweiz zu ungefähr siebzig Prozent aus deutsch-, zu zwanzig Prozent aus französisch- und zu zehn Prozent aus italienischsprechenden Eidgenossen. Wären diese drei nationalen Gruppen als solche die Basis der Union, so hätte das auch in der Schweiz unaufhaltsam zur Vorherrschaft des großen deutschsprachigen Blocks über die anderen Nationalitäten geführt und sie de facto zu Minderheiten degradiert, da sie nur dreißig Prozent der Gesamtbevölkerung darstellen. Tatsächlich fördern ja gerade demokratische Prinzipien eine solche Entwicklung. Das Resultat wäre: Jeder Grund für die französisch- und italienischsprechenden Volksgruppen, weiterhin Teil eines vorwiegend deutschen Unternehmens zu bleiben, fiele weg.

Es gäbe nichts mehr, was sie von einem Anschluß an ihre Sprachverwandten auf der anderen Seite der Grenzen abhalten könnte, die die mächtigen Nationen Italien und Frankreich geschaffen haben. Auch für die deutschsprachige Mehrheit würde es wenig Sinn haben, weiterhin außerhalb der Grenzen ihres großen Nachbarreiches zu leben.

In Wirklichkeit aber begründen sich die Existenz der Schweiz und das erfolgreiche Zusammenleben verschiedener Volksgruppen nicht im Zusammenschluß ihrer drei oder vier Nationalitäten, sondern im Verband ihrer 25 „Staaten“ (den Kantonen und Halbkantonen), was quasi eine nochmalige Aufteilung innerhalb der einzelnen regionalen Einheiten darstellt – und das genaue Gegenteil einer Verschmelzung ihrer Volksgruppen bedeutet. Dies aber bildet die unerläßliche Vorbedingung für jeden demokratischen Staatenbund: Die einzelnen Gemeinschaften müssen sich von ihrer Bevölkerungszahl her in einem Gleichgewicht befinden.

Die Größe der Schweizer Staatsidee liegt daher in der Kleinheit der Zellen. Auf deren souveräner Unabhängigkeit ruht die Garantie ihrer Existenz. Der Schweizer aus Genf steht dem Schweizer aus Zürich nicht als französischer einem deutschen Eidgenossen gegenüber, sondern als ein Eidgenosse aus der Republik Genf einem Eidgenossen aus der Republik Zürich. Ein Bürger aus dem deutschsprachigen Uri ist für einen Bürger aus dem deutschsprachigen Unterwaiden genauso ein „Ausländer“ wie für einen Bürger aus dem italienischsprechenden Tessin. Zwischen dem Kanton St. Gallen und dem Schweizer Staatenbund gibt es keine Zwischenorganisation in der Form eines deutschsprechenden Halbbundesstaates. Die an Bern abgetretene Staatsgewalt stammt von den kleinen Kantonsrepubliken, nicht von den Nationalitäten, denn die Schweiz ist eine Union von Staaten, nicht von Nationen.

Es ist wichtig, sich darüber im klaren zu sein, daß die Bevölkerung der Schweiz (in runden Zahlen) aus 700 000 Bernern, 650 000 Zürichern, 160 000 Genfern besteht, nicht aus 2 500 000 Deutschen, 1 000 000 Franzosen und 500 000 Italienern. Die verhältnismäßig große Zahl von fast souveränen Kantonen und Halbkantonen, zusammen mit der Kleinheit der einzelnen Kantonatsbevölkerungen, verhindert das Aufkommen jeder imperialistischen Vorherrschaftsambitionen seitens eines Einzelkantons, da er zahlenmäßig auch schon von einer kleinen Koalition anderer Kantone übertroffen würde.

Falls jemals – im Zuge der zeitgenössischen Vereinfachungs- und Rationalisierungstendenzen – die 25 Kantone mit all ihren Hauptstädten, Parlamenten, Regierungen und Eigenarten sprach- und stammeinheitlich reorganisiert werden sollten, so würden sie die Form von drei Provinzen annehmen: aber nicht der Schweiz – sondern Deutschlands, Frankreichs und Italiens.

Politiker, die für die große europäische Vereinigung eintreten, und zwar für ein Europa der Nationen, haben bei allem Enthusiasmus nie das schweizerische Urprinzip der kantonalen „Kleinstaatenselbständigkeit“ wirklich begriffen. Sie sind noch heute so von der Nationalidee beeindruckt, daß der Begriff Staat, der so viel biegsamer ist als der der Nation, von den Architekten der gegenwärtigen babylonischen Einheitstürme beinahe immer links liegengelassen wird. Das gesellschaftlich Erstrebenswerte erblickt man in großen und immer größer werdenden Einheiten, während kleinere Gemeinschaften als Brutstätte von Zwietracht, Hinterlist, Krieg und all den anderen Übeln dargestellt werden, die am Anfang aller Zeit aus der Büchse der Pandora entflohen sind. Schon von Kindheit an preist man uns das Große, das Massive, das Universale, das Kolossale an. Dagegen verschweigt man uns, daß das gesellschaftlich wirklich Große, das Vollkommene, das Universalistische – im Kleinen liegt, im Individuum als dem Protoplasma allen sozialen Lebens.

Wir bejubeln die Einigungen Deutschlands, Frankreichs, Großbritanniens und Italiens in der Annahme, sie seien der erste Schritt zu einer Einigung der ganzen Menschheit. Doch alles, was sie produzieren, waren – imperiale Mächte, die sich ununterbrochen in den Haaren liegen.

Wenn das Schweizer Vorbild auf Europa angewendet werden soll, und oft ist ja davon die Rede, dann muß auch die Schweizer Methode nachgeahmt werden und nicht nur der äußere Rahmen in ihrer multinationalen Gesamtstruktur. Und die liegt in der Teilung ihrer drei unterschiedlich großen Blöcke in so viele kleinere Bestandteile als notwendig sind, um jedwedes zahlenmäßiges Übergewicht eines Blocks unmöglich zu machen.

Was Europa anlangt, so heißt das, daß 40 oder 50 gleich große Staaten geschaffen werden sollen anstatt vier oder fünf ungleich große. Anderenfalls wird auch ein föderativ geeinigtes Europa immer 80 Millionen Deutsche, 45 Millionen Franzosen, 50 Millionen Italiener et cetera haben, was letzten Endes genauso zur Hegemonie Deutschlands führen würde wie Bismarcks föderativ geeintes Deutsches Reich, in dem 24 mittlere und kleine Staaten mit der 40-Millionen-Einwohner-Großmacht Preußen verbunden waren – und so unter die Hegemonie Preußens geriet.

Mein Vorschlag ist also, Deutschland nach dem Krieg vorerst in eine Anzahl von Staaten – von sieben bis zehn Millionen Einwohner – aufzuteilen. Das wäre leicht zu bewerkstelligen, da die früheren Deutschen Staaten (oder zumindest ein großer Teil von ihnen) innerhalb ihrer alten Grenzen rekonstruiert werden können. Sogar Preußen würde eine Spaltung in seine historischen und natürlichen Landschaften zulassen.

Die Zersplitterung Deutschlands allein hätte aber auf die Dauer keine Wirkung. Bei der natürlichen Tendenz aller organischen Zellstrukturen würde die einstige Zersplitterung Deutschlands zur Wiedervereinigung führen, wenn nicht gleichzeitig auch ganz Europa kantonisiert würde. Die historische Landkarte Europas würde eine Aufteilung auch aller anderen Großmächte sehr vereinfachen. Wir würden wieder ein Venezien, eine Lombardei, ein Burgund, Savoyen, Estland, Weißrußland, eine Normandie und so weiter haben. Aber wie im Falle Deutschlands würden auch in den andern Ländern die neuen (oder alten) Kantone und Regionen wieder zu Nationalstaaten zusammenwachsen, es sei denn, sie ordneten sich neu in begrenzten „Lokalkombinationen“ – schlössen sich eher mit den ihnen geographisch unmittelbar verbundenen Nachbarstaaten zusammen als mit ihren Stammverwandten. Das würde die Neubildung großräumiger National- und Rassestaaten unmöglich machen.

Das wahre Schweizer Modell der nationalen Aufteilung – anstatt Vereinigung – müßte in verschiedenen europäischen Gegenden wiederholt werden, wie es seinerzeit schon in der österreichisch-ungarischen Monarchie der Fall war. Das Ergebnis wäre die Zusammenfassung kleiner europäischer Staaten in einem Netz kleiner, schweizähnlicher Staatenbunde, nicht zwischen Blutsverwandten, sondern Grenznachbarn, also etwa Pommern-Westpolen, Ostpreußen-Baltikum, Kärnten-Venezien-Slowenien, Österreich-Ungarn-Tschecho-Slowakei, Baden-Burgund, Lombardei-Savoyen.

Auf diese Weise würden die Großmächte (die Väter jedes modernen Krieges, denn nur sie haben die Muskelkraft, den Kriegen ihre moderne Totalverwüstungsfähigkeit zu geben) endlich verschwinden. Aber nur wenn der ganze europäische Kontinent in seine ursprünglichen Teile zerlegt wird, ist es möglich, Deutschland oder irgendeine andere Großmacht ehrenvoll abzuschaffen, ohne es mit dem Odium eines neuen Versailles zu belasten. Sobald Europa in ein System kleiner Zellen umgewandelt ist, wird sich das Schweizer Modell nebenbei auch für eine Pan-Europäische Union ergeben. Deren Erfolgsbasis liegt nicht in der Zusammenarbeit mächtiger Nationen, sondern ausschließlich in der Kleinheit all ihrer Staaten.

Das alles kommt auf eine Verteidigung der vielbelachten Idee hinaus, die Erfolg und Ruhm in der Souveränität nicht der größten, sondern der kleinsten Staatseinheiten sieht – Kleinstaaterei nennt man es in Deutschland. Die politischen Theoretiker unserer Zeit, die nur das Große im Auge haben und die sich an Sammelbegriffen wie „Menschheit“ begeistern, (niemand weiß, was das eigentlich ist und warum man für sie Leben opfern soll), halten den bloßen Gedanken, mehr anstatt weniger Staaten zu schaffen für einen Rückschritt ins Mitelalter. Sie alle sind für Einigung und Gigantismus, obwohl Einigung über gewisse Grenzen hinaus nichts darstellt, als totalitäre Gleichschaltung, sogar wenn man in ihr eine Garantie des Friedens sieht. Was sie tatsächlich darstellt, ist eine Übertragung in die internationale Arena des undemokratischen Einparteiensystems – das natürlich auch einen gewissen Frieden garantiert. Aber was für einen!

Trotz des Spotts unserer Theoretiker möchte ich auf einige der Vorteile dieser „mittelalterlichen“ Idee hinweisen. Der Einigungsfanatiker wird sagen, daß die Zeit, als es noch Hunderte von Staaten gab, düster war und daß Kriege fast ohne Unterbrechung geführt wurden. Stimmt. Aber was für Kriege waren das? Der Herzog von Tirol erklärte dem Markgrafen von Bayern wegen eines gestohlenen Pferdes den Krieg. Der Krieg dauerte zwei Wochen. Es gab einen Toten und sechs Verwundete. Ein Dorf wurde erobert und der ganze Vorrat an Wein ausgetrunken, den man im Keller des Wirtshauses fand. Man schloß Frieden und bezahlte ein paar Taler Schadensersatz. Nachbarstaaten wie das Fürstentum Liechtenstein oder das Fürsterzbistum Salzburg erfuhren erst gar nicht, daß es überhaupt einen Krieg gegeben hatte. Kriege gab es natürlich in irgendeinem Winkel Europas fast jeden Tag. Aber es gab keine Kettenreaktion und ihre Auswirkungen waren geringfügig. Heutzutage gibt es verhältnismäßig wenig Kriege und der Grund, warum sie ausbrechen, ist kaum seriöser als der Diebstahl eines Rosses. Aber die Konsequenzen sind katastrophal.

Auch wirtschaftlich waren die Vorteile der Koexistenz vieler Kleinstaaten beträchtlich, obwohl die modernen Gleichschalter, Fusionisten und Nationalökonomen nicht damit übereinstimmen, da sie sich daran gewöhnt haben, die Welt aus der Perspektive des Kopfstandes zu sehen. Anstatt einer Regierung gab es zwanzig, anstatt zweihundert Parlamentarier gab es zweitausend, und anstatt der Ambitionen von wenigen konnten die Ambitionen von vielen befriedigt werden. Es gab wenige Arbeitslose, weil es zu viele gleichartige Betriebe, Berufe gab, die sich weniger Konkurrenz machten, weil sie in mehr Staaten lagen und ausgeübt wurden. Die Idee des Sozialismus (ebenfalls ein totalitärer Begriff) war überflüssig, weil die Wirtschaft eines kleinen Landes von jedem Kirchturm aus überschaut werden konnte, ohne die Interpretation eines Karl Marx oder Hjalmar Schacht (so brillant sie auch sein mögen) herbeiziehen zu müssen.

Die vielen Hauptstädte übertrafen sich in der Förderung von Kunst und Kunstgewerbe, der Einrichtung von Universitäten, dem Bau von Domen und später Theatern und Museen, und bereiteten so auch das Milieu für Dichter, Denker, Maler, Komponisten und Architekten.

Und trotzdem war die Steuerbelastung der Bürger nicht größer als heute, im Zeitalter der Rationalisierung. Heute werden aus „wirtschaftlichen“ Gründen so viele Betriebe und Menschen eingespart, daß dadurch erst das vorher unbekannte Phänomen der Massenarbeitslosigkeit entstand. Wir haben die Verschwendung der Könige und ihrer Höfe abgeschafft und dadurch die Mittel in die Hand bekommen, statt dessen die Pracht der Diktatoren und ihrer Millionen-Heere finanzieren zu können. Wir haben über die Vielheit der Kleinstaaten gelacht. Jetzt werden wir von ihren wenigen, zu Großmächten angeschwollenen Nachfolgern tyrannisiert.

Es ist nicht nur die Geschichte, sondern auch unsere eigene Erfahrung, die uns gelehrt hat, daß die Demokratie in Europa oder sonstwo nur in kleinen Staaten blühen kann. Nur dort kann der Einzelmensch seinen Platz und seine Würde behaupten. Und solange wir die Demokratie für eine sinnvolle Institution halten, müssen wir auch wieder die Bedingungen für ihre Entfaltung schaffen: den überschaubaren kleinen Staat – und die Glorie der Souveränität auch der kleinsten, staatlich lebensfähigen Gemeinschaft zuzuerkennen. Es wird dann leicht sein, diese kleinen Staaten unter das Dach eines Bundesstaates oder Staatenbundes zu bringen. So wären auch die befriedigt, die von der großen Verbrüderung aller Menschen träumen.

Ein solches Europa wäre ein anregendes Gebilde, ein Mosaik, mit faszinierenden Variationen im Detail und vielen verschiedenen Eigenarten – und doch durchflutet von der Harmonie der organischen und lebendigen Ganzheit.

Das ist natürlich eine lächerliche Idee, orientiert allein an dem Menschen als einem lebendigen, geistigen Individuum. Welteinigungspläne dagegen sind todernste Vorhaben und auf einen Menschen zugeschnitten, den man sich nur als kollektives Wesen vorstellt. Diese großen Pläne erinnern mich an den Professor für Statistik, der dem Teufel vorschlägt, wie er die Hölle organisieren soll. Da antwortet der Satan mit felsenerschütterndem Gelächter: „Die Hölle organisieren? Mein lieber Herr Professor: Organisation ist die Hölle!“