Die Kampfpresse kannte seinen Marktwert genau und hatte ihn deshalb schon lange totgeschrieben. Aufgedunsen war er vom ewigen Saufen, fett geworden, verlebt, eine ziemlich peinliche Erscheinung. Peinlich wie seine Plateausohlen, ohne die er als Schlagersänger nicht glaubwürdig war.

Die gnadenlosen Populisten von Springer hatten kein Mitleid mit diesem Revenant aus den bunten Sechzigern. Wenn er sich schon nicht freiwillig zurückzog, wurde eben ein wenig nachgeholfen: „Warum ich mich zu Tode trinke“, erzählte Roy Black exklusiv allen Lesern der Herz- und Kroneblätter, die ihn einst aufgebaut hatten. Auch wenn er nichts von dem angeblichen Bekenntnis wußte, es war eine unfehlbare Ferndiagnose. Schließlich konnte er gar nicht anders verlaufen, dieser negative Bildungsroman, modern erzählt mit tausend Frauen, zehntausend Flaschen und noch mehr Geld, das unterwegs verdient und wieder ausgegeben wurde. Mit Goldenen Schallplatten war dieser Weg in die Grube gepflastert, gesäumt von Löwen und Ottos und einer Doppelhaushälfte in jeder Stadt.

Roy Black war der Watschenmann der Branche, jeder durfte ihn Weichspüler und Schnulzenkönig heißen. Aber er gab nicht nach, versteckte sich nicht, als seine Zeit vorbei war, wurde nicht Sprecher des deutschen Gebrauchtwagenhandwerks. Jetzt hat er seinen früheren Propagandisten den Gefallen getan, ein Tod mit 48 Jahren, Herzversagen, was sonst. Und haben sie’s nicht immer gesagt? Zu viel Alkohol, zu viele Frauengeschichten, und dann auch noch das obszön öffentliche Scheitern?

Roy Black, geboren 1943 in Straßberg bei Augsburg, Anfang der sechziger Jahre Betriebswirtschaftsstudent und Vorsänger einer Beatband, wurde, als ein Manager ihn sah und ihn umschulte auf Schmalz, der einzige singende Star, den es in Deutschland je gegeben hat. 1968 ff. spielte der ehemalige Gerhard Höllerich den wohlerzogenen Jungen, der sich nicht gegen die Eltern auflehnte, sondern formvollendete Verlobungsständchen sang. Andere in seinem Alter hatten vielleicht Probleme mit dem Schah oder mit Nixon, er wünschte sich eine altmodische Hochzeit „Ganz in Weiß“ und wußte, wie gut wir’s haben („Schön ist es, auf der Welt zu sein“).

Zusammen mit dem ähnlich keimfreien Sauberfräulein Uschi Glas tollte er durch ein Dutzend selten dämlicher Filme, aspirierte schlichte Dialoge in seinem freundlichen Bayrisch, lächelte sein blendendes Lächeln. Aufatmen durfte man erst, wenn er eins seiner Lieder vortrug, „Sonne, Mond und Sterne“ etwa, mit denen er sich heranschluchzte ans wunde Herz, eine Stimme, die einen unfehlbar rührte.

Ende der Sechziger war Roy Black mit seinem Schmachten so erfolgreich, daß er zeitweise mehr Platten verkaufte als die Beatles. Rainer Werner Fassbinder, der ja nun wirklich wußte, was und vor allem wie lebenswichtig Kitsch ist, hat damals ein Hörspiel für ihn geschrieben, Titel, natürlich, „Ganz in Weiß“.

Bis 1974 verkaufte er zehn Millionen Singles und 1,5 Millionen Langspielplatten. Aber wer auch nur um ein geringes klüger ist als das diabetesfördernde Zeug, das er immer und immer wieder singen muß, wird schnell zur tragischen Figur. Seit er 1974 eine Bravo-Angestellte geheiratet hatte und damit den Bravo-Leserinnen unweigerlich verlorenging, war Roy Black nur mehr ein Zitat. Seine Platten verkauften sich nur noch in Bruchteilen von früher, mit den Filmen war es aus, und so trieb ihn sein Erwerbsdenken durch norddeutsche Bäder und über süddeutsche Volksfeste. Er war sich nicht zu schade dafür, bei Butterfahrten zwischen Rheumadecken und Landjägern mitzuschunkeln, fand nichts dabei, für märchenhafte Gagen bei Betriebsfesten aufzutreten oder, rollengerecht, einem reichen Bräutigam die reiche Braut zuzuführen und dazu wieder „Ganz in Weiß“ zu schmalzen.